12. Januar 1998 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Spot auf den Tod

Was leuchtet denn da?

Michael Molsner hat aus dem Fall Sedlmayer einen Krimi gestrickt

Als es dem deutschen Film noch nicht so gut ging, hieß es immer wieder: Wo bleibt die Gegenwart? Die Stoffe, jammerte man, lägen doch auf der Straße: Umweltverschmutzung, Wirtschaftskriminalität, Wohnungsnot. Der Fall Schneider, der Fall Bachmaier, der Mauerfall. Das war natürlich Quatsch. Das sind Stoffe, aus denen Filme gestrickt waren, die keine Sau interessierten.

Der Literatur, der es immer noch nicht so gut geht, wurden dieselben Vorwürfe gemacht. Und es hat naturgemäß auch nichts geholfen. Michael Molsner, der in seinen Krimis längst gemacht hat, was von anderen gefordert wurde, hat nun den Fall Sedlmayer in einem Roman verarbeitet. Auch wenn er im Vorwort schreibt, es werde eine erfundene Handlung geschildert und dem Roman käme es „nicht auf den mehr oder weniger zufälligen Einzelfall an, sondern auf das Typische, das vielen Einzelfällen zugrunde liegt”, so ist das doch ein an sich begrüßenswertes Vorhaben, der Wirklichkeit mit einem „Schlüsselroman” die Stirn zu bieten.

Das Opfer des Romans (Spot auf den Tod, Zebulon Krimi, 251 Seiten, 16,90 Mark) heißt Floria Waibel, hat sich einen Namen als bayerischer Volksschauspieler gemacht, hehlt mit Antiquitäten, hat eine Vorliebe für harte Jungs und kommt auf brutale Weise im eigenen Bett um. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist also alles andere als zufällig.

Molsners Kunstgriff besteht vor allem darin, einen aufstrebenden Reporter und Drehbuchautor namens Mike Ratys in den Fall einzuführen, der gut als sein alter ego durchgehen kann, weil der, wie der Autor selbst, ein Drehbuch für einen Film geschrieben hat, in dem der Volksschauspieler als Miethai auftritt. Ratys begegnet man anfangs als kleinem Jungen, dessen Mutter ihn mit Gelegenheitsjobs und -bekanntschaften durchbringt, an einem Stehausschank am Sendlinger Tor. Er ist ein frühreifes, vorlautes Kerlchen – und das bleibt er auch. Seinen naseweisen Tonfall mag der Roman nicht mehr ablegen.

Der Anfang verspricht immerhin, daß sich die Schilderung von Befindlich- und Örtlichkeiten im Nachkriegs-München zu einem Porträt der Stadt entwickelt, das die Literatur weitgehend verweigert. Stattdessen aber kündet das alter ego mehr von den Eitelkeiten seines Schöpfers. München bleibt nur ein Schatten dessen, was jeder Reiseführer verkündet. Die Stadt ist „wie von de Chirico gemalt”, in Schwabing „gibt es keine Boheme mehr”, und das München des Kronprinzen Luitpold ist auch verschwunden. Der Blaue Reiter wird erwähnt und über Thoma nachgedacht, und der Volksschauspieler ist halt ein Biedermann, der seinen Leidenschaften im verborgenen nachging. Wer hätte das gedacht?

Als kuriosestes Manöver darf bei alledem die Bemerkung gelten, daß Thomas Mann zwischen Giesing und dem Südbahnhof sicher nicht auf die Idee gekommen wäre, zu schreiben „München leuchtete”. Somit wäre auch dieser Gemeinplatz untergebracht.

Wahrscheinlich leuchtete Molsner vor Freude, als ihm diese Variante einfiel. Dabei sollte er wissen, daß die wahre Herausforderung darin liegt, München auch heute wieder zum Leuchten zu bringen. Das ist es nämlich, was der Literatur fehlt. Alles andere ist billig.

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