23. Januar 1998 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 23.01.1998

Film-Tips

„Die Dinge müssen sich ändern, um die gleichen zu bleiben”, hieß es in Viscontis LEOPARD. Wie man sehen wird, gilt das auch für die Filmtips.

Mailand
Am Sonntag läuft um 18. 45 Uhr in der Lupe Viscontis ROCCO UND SEINE BRÜDER, in dem ebenfalls Alain Delon mitspielt. Als Michelangelo Antonioni gefragt wurde, woran er sich erinnere, gehörte der Kampf aus Rocco zu den ersten Bildern. Was die Person Viscontis angeht, gingen ihm folgende Bilder durch den Kopf: „Luchino mager und düster im Cafe in der Via Veneto, als ich ihn zum ersten Mal sah. Luchino am Strand von Ostia. Luchino zuhause inmitten all seiner Gegenstände. Luchino im Vorführsaal, während er BERUF: REPORTER ansah, und ich, der ihn beobachtete, um herauszukriegen, ob er ihm gefällt. Der kranke Luchino im Rollstuhl im Salon seines letzten römischen Hauses, wie er mir sagt: ’Komm, Michele, gib mir einen Kuß. ‘” Die Szene zwischen Alain Delon und Annie Girardot auf dem Dach des Mailänder Doms besitzt jene topographische Schönheit, die auch Antonioni zu eigen ist.

Odessa
Zum Hundertsten gibt es natürlich Eisenstein satt: Das Filmmuseum zeigt am Mittwoch um 21 Uhr frühe Werke des Meisters, die zusammen mit Grigorij Aleksandrow entstanden sind: ROMANCE SENTIMENTALE und LUSTIGE BURSCHEN, mit dem sich Aleksandrov von Eisenstein entfernte. Sechs Jahre später nannte Eisenstein seinen einstigen Mitstreiter nur noch „Beleuchter und Elektriker”. Die Lupe zeigt um 17. 45 und 20 Uhr die beiden Teile von IVAN, DER SCHRECKLICHE die zusammen einen Horrorfilm der besonderen Art ergeben: Ikonenmalerei meets Gruselkabinett. Am Mittwoch dann um 20 Uhr PANZERKREUZER POTEMKIN, dessen Szene vom Massaker auf der Treppe in Odessa zum Treppenwitz der Filmgeschichte verkommen ist. Wie das dann aussieht, kann man wiederum am Sonntag um 18 Uhr im Filmmuseum sehen, wo Brian De Palma in The Untouchables den Kinderwagen die Treppe des Chicagoer Bahnhofs herunterhoppeln läßt, während Kevin Costner sich mit den Gangstern ein Duell liefert.

Texas
Vom Montag bis Mittwoch läuft um 22. 30 Uhr im Arena LONE STAR von John Sayles im Original mit Untertiteln. Auch wenn es bei Sayles oft um die Gewalt der Obrigkeit geht, hat er mit Eisensteins Effekten nichts am Hut. Er ist ein Mann, der sich auf die Schauspieler (in diesem Fall: Kris Kristoffersen, Chris Cooper) und seine Beobachtungsgabe verläßt. Und immer geht es um die Beziehungen zwischen oben und unten, einst und jetzt, links und rechts. In diesem Fall taucht in der Wüste ein Skelett auf, das seinen Blick aus der Vergangenheit in die Gegenwart richtet und Antworten auf längst vergessene Fragen fordert. Der alte Mordfall wird daraufhin wieder ausgegraben.

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