25. August 1997 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Die Rothaarige

Topographie der Hölle

James Ellroy macht sich in „Die Rothaarige” auf die Suche nach dem Mörder seiner Mutter

Der Mord schneidet seine Fratze schon auf dem Umschlag. Ein Photo des Opfers ist da zu sehen, und schon die Tatsache, daß man einen Moment lang braucht, um sich im Bild zurechtzufinden, öffnet dem Grauen alle Schleusen.

Wenn das Auge sich im schwarzweißen Chaos orientiert und alle Formen zugeordnet hat, erkennt man den Oberkörper einer Frau im Gestrüpp. Das am Reißverschluß aufgerissene Kleid gibt den Blick auf den vom Blitzlicht unbarmherzig ausgeleuchteten Rücken frei, der mit größeren und kleineren Flecken übersät ist. Ein Träger ist über die Schulter gerutscht auf den Arm, der abgewinkelt ist. Vom Kopf sind nur die dunklen Haare zu sehen, und knapp darunter ragen mehrere Schlaufen hervor, die am Hals verknotet zu sein scheinen. Keine Wunden, kein Blut.

Reiner Exorzismus

Die Frau hat die Haltung einer Schlafenden – aber die Ausstrahlung einer Toten. Der Schrecken verbirgt sich nicht in irgendwelchen Entstellungen, sondern in der Beiläufigkeit der Anordnung, in der Belanglosigkeit der Details, also im Grunde in der gnadenlosen Banalität des Bildes. Der Mord ist hier keine schöne Kunst, sondern trauriger Alltag.

Die Tote hieß Geneva Hilliker Ellroy und wurde am Sonntag, den 22. Juni 1958, kurz nach zehn neben dem Sportplatz einer High School im kalifornischen El Monte von spielenden Kindern im Efeugestrüpp gefunden. Sie wäre eines von zahllosen Mordopfern geblieben, wenn es ihr damals neunjähriger Sohn nicht zu einigem Ruhm als Schriftsteller gebracht hätte.

Um herauszufinden, wer die Tote war – und wer er selbst ist –, hat James Ellroy die Untersuchungen im Mordfall seiner Mutter noch mal aufgenommen und über die Ergebnisse ein Buch geschrieben: „Die Rothaarige“ (Hoffmann und Campe. 560 Seiten, 48 Mark.).

Ellroy hat – da macht er gar keinen Hehl daraus – in seiner Karriere aus dem Tod seiner Mutter durchaus schon Kapital geschlagen. Von Anfang an wußten die Leser seiner Kriminalromane vom gewaltsamen Ursprung seiner Alpträume, und die Art und Weise, wie Ellroy in die Abgründe der menschlichen Seele eintauchte, ließ keinen Zweifel, daß es sich dabei um reinen Exorzismus handelte. Heimlich erzählte die Geschichte der Frau, die Samstagnacht das Vergnügen suchte und den Tod fand, in kaum verschlüsselter Form. Und sein Durchbruch Die schwarze Dahlie verwob das mütterliche Schicksal in dem berühmten Mordfall einer anderen Schönen, die auf noch viel schrecklichere Weise Opfer ihrer Sehnsüchte wurde. Es war, als risse Ellroy mit jedem Roman die alte Wunde neu auf, um den Schmerz nie verkrusten zu lassen.

Man kann sich vorstellen, was es für den Elfjährigen bedeutete, in einem Buch auf den Mordfall Elizabeth Short, die von der Presse wegen ihrer Frisur Schwarze Dahlie genannt wurde, zu stoßen. Ihr Mörder, schreibt Ellroy nun, „begriff das Verstümmeln als Sprache”. Im Grunde hat Ellroy es ihm gleich getan und in den blutigen Details seiner Fälle eine Sprache für etwas gefunden, was er anders nicht ausdrücken konnte.

In seinem neuen Buch gibt er zu, daß er auf diese Weise die Konfrontation mit der Wahrheit, mit dem, was seine Mutter wirklich gewesen ist, immer vermieden hat. Nachdem er 13 Romane lang seine Leser das Fürchten gelehrt hat, ist er nun ausgezogen, selber das Fürchten zu lernen.

Ellroy hat sich mit einem pensionierten Detective zusammengetan, hat die Akten wieder ausgegraben, die Aussagen überprüft, alte Zeugen befragt, neue Informanten gesucht, als könne er damit ein Phantom zum Leben erwecken. Fast ist wieder eine Art Kriminalroman dabei herausgekommen, in dem der Held ein berühmter Schriftsteller ist, der den Mörder seiner Mutter sucht. Man nimmt der Spannung dieser Recherche nichts, wenn man verrät, daß das Ende – wie der Anfang – nicht den Regeln des Genres folgt, sondern sich der Realität beugt.

Der Reiz des Buches liegt ohnehin weniger im Ergebnis dieser Ausgrabungsarbeiten als in der Art, wie Ellroy einer Sache ein Gesicht verleiht, die sich sonst immer hinter Fiktionen und Sensationen verbirgt: der Sache von Verbrechen und ihrer Aufklärung. In der haarkleinen Schilderung von Umständen und Aussagen, Indizien und Nebensächlichkeiten breitet sich der Mord wie ein Spinnennetz aus, in dem jedes neue Detail erstmal wie eine Beute zappelt.

Schwarzes Loch

Das Opfer verließ gegen 20 Uhr das Haus, wurde um 22 Uhr in Begleitung eines Mannes in einem Drive-In gesehen, eine Dreiviertel Stunde später tanzend mit demselben Mann und einer Blondine in einem Nachtclub und um 2 Uhr 15 nochmal mit dem Mann im Drive-in – acht Stunden später fand man sie erwürgt im Gebüsch. Es wurden Vermieter und Verwandte, Kollegen und Bedienungen zu Dutzenden befragt, aber alle Spuren und Aussagen führten in die Stunden jener Nacht wie in ein schwarzes Loch. Und wenn Ellroy und sein Helfer Stoner den Fall neu aufrollen, dann ist dieses Loch eben um fast vier Jahrzehnte größer. Unterlagen sind vernichtet worden, Zeugen gestorben oder senil geworden, und die Aussichten auf eine Lösung reichlich trübe. Vielleicht ist der Mörder längst tot? Vielleicht weiß die Blondine die Antwort und lebt noch? Quälende Fragen, unter denen die Polizeiarbeit in einem anderen Licht erscheint. Fast hat man den Eindruck, als bildeten all die nie gefaßten Mörder eine eigene Armee im Schatten unserer Erinnerungen.

James Ellroy mag ein Großmaul sein, das gerne einen Stil pflegt, der so wirkt, als würde er sich dauernd ans Gemächt greifen, aber man versteht bald, daß jemand, dessen Welt als Kind mit einem solchen Schlag aus den Angeln gehoben wurde, eben ziemlich kräftige Werkzeuge braucht, um sie wieder einzurenken. Bis er dreißig war, hatte er alles durch: Provokation, Alkohol, Drogen. Dann kamen der Entzug und die Karriere, die auch davon lebte, wie er sich verkauft.

Friedhof der Engel

Im Original heißt das Buch My Dark Places – An L.A. Crime Memoir, und im Grunde paßt der Titel besser, weil das Buch über den einzelnen Mord hinausweist und parallel die Geschichte des Verbrechens in der Stadt Los Angeles erzählt. Plastisch entsteht ein Bild des Lebens in El Monte, einem jener Käffer im Osten von Los Angeles, in denen sich das Häusermeer schon in den Fünfzigern durch die Täler in die Bergwüsten hinausgefressen hat. Das Bild einer Stadtwüste aus Kneipen, Fabriken und Schlafstellen für Leute, die sich gerne tot stellen, weil das Leben nur noch eine Sackgasse ist. Das Bild einer alleinerziehenden geschiedenen Frau, die sich vor der Langeweile von Wochenende zu Wochenende, von einem Rausch zum nächsten, von einem Lover zum anderen rettet. Das Bild eines Jungen, den nur der Erfolg vor Wahnsinn oder Tod retten konnte.

So legt sich die schwarzweiße Wirklichkeit über jene bonbonfarbenen Technicolor-Bilder, die das Kino von jener Zeit entworfen hat – so wie sich Ellroys blutgetränkte Romane über die öde Topographie der Stadt gelegt haben, in der die Engel zuhause sein sollen. Aber es ist nur ein Friedhof, in dem die Menschen ihre Geheimnisse mit ins Grab mitgenommen haben.

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