23. August 1997 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Fire

Bunte Tücher, weißes Feuer

FIRE, ein Film von Deepa Mehta über Liebe zwischen Frauen

Mal ehrlich: Ein indischer Film, der von zwei unglücklichen Frauen erzählt und mit einem jener naturgemäß undurchsichtigen östlichen Gleichnisse anfängt, gehört nicht unbedingt zu den Attraktionen, die zu spontanem Kinobesuch anregen. Das indische Kino mag eins der fruchtbarsten der Welt sein – zu uns ist sein Ruf nicht durchgedrungen. Aber mit Vorurteilen kommt man hier eh nicht weiter.

FIRE ist von einer Inderin inszeniert, aber von einer, die seit 25 Jahren in Kanada lebt und dort auch ihr Handwerk gelernt hat. Deepa Mehta hat mit Dokumentarfilmen begonnen, dann bei Fernsehserien Regie geführt und schon für ihren zweiten Spielfilm Camilla Jessica Tandy und Bridget Fonda gewinnen können. Für ihren dritten Spielfilm ist sie nach Indien zurückgekehrt und hat sich von der Lebensgeschichte ihrer Mutter inspirieren lassen. Es geht um Frauen, die in traditionellen Vorstellungen von der Ehe gefangen sind, ums Feuer, das sie verzehrt, und um etwas, wofür Indien buchstäblich kein Wort hat: lesbische Liebe. Aber der Reiz des Films liegt weniger in der holzschnittartigen Geschichte, sondern in der delikaten Art, wie sie erzählt wird.

Es beginnt, wie jeder Film eines Ausländers in Indien beginnen würde, am Taj Mahal. Aber das frisch vermählte Paar, das dort traditionell seinem Glück huldigen will, wirkt eher distanziert und verdrossen. Bald stellt sich heraus, daß der junge Mann das Mädchen nur geheiratet hat, weil ihn seine chinesische Geliebte nicht erhört hat. Das Mädchen hingegen macht sich nicht lange Illusionen und findet in ihrer Schwägerin eine Seelenschwester, weil deren Mann Enthaltsamkeit übt, um den Weg der Erleuchtung zu gehen. Wie die beiden langsam zueinander finden, wird ohne Tränen, aber mit Witz erzählt.
Die Bilder des Kameramanns Giles Nuttgens lassen das Licht wie weißes Feuer im Dunkel brennen und verleihen den Farben des Kontinents spielend jenen Wert, den sie im Abendland längst verloren haben. Wenn die Tücher und Blüten leuchten, begreift man, daß Farben keine Selbstverständlichkeit, sondern reinster Luxus sind.

Und so wie Deepa Mehta dem Licht eine Stofflichkeit abgewinnt, so versteht sie es auch, die Entdeckung des Körpers mit der Kamera nachzuzeichnen. Wenn hier ein Finger die Lippen berührt, dann ist das spürbar etwas anderes, als wenn sich im amerikanischen Kino irgendwo ein Körper räkelt. Die Präsenz dort ist eine der Oberflächen – hier geht sie unter die Haut.

FIRE, CAN 1996 – Regie und Buch: Deepa Mehta. Kamera: Giles Nuttgens. Schnitt: Barry Farrell. Musik: A.R. Rahman. Darsteller: Shabana Azmi, Nandita Das, Kulbushan Kharbanda. Verleih: FPV. 104 Minuten.

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