11. September 1997 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Popcorn und Boy Wonder

Das Kino ist ein Roman

Zwei Geschichten aus Hollywood: POPCORN und BOY WONDER

Hollywood ist überall. Da kann es nicht schaden, wenn sich die anderen Künste ihren Reim darauf machen. Im Netz der schönen Lügen, mit denen das amerikanische Kino die Welt umspannt hat, bleiben reichlich Löcher, durch die so etwas wie Wahrheit sichtbar gemacht werden kann. Und letztlich wäre das die Geschichte unseres Jahrhunderts: Wie sich die Wirklichkeit in immer neue Medien verflüchtigt.

Wenn alles mit rechten Dingen zuginge, dann hätte also der große Roman des Jahrhunderts eigentlich vom Kino handeln müssen. Nach Lage der Dinge hat das aber nicht stattgefunden, und womöglich liegt das daran, daß sich das Kino jeder Mimikry entzieht. Jede Darstellung gerät immer zur Überzeichnung, Überspitzung, Übertreibung. Das Kino ist nicht der Stoff, aus dem die Träume sind. Vielleicht liegt das daran, daß das Kino selbst ein Traum ist. Und davon zu erzählen ist so langweilig, wie anderen Leuten die Träume der letzten Nacht zu schildern. Sie folgen einer eigenen Logik, die bei Tageslicht sofort verpufft.

Nachahmung ist strafbar

Dem Kino geht es übrigens genauso. Es versagt immer dann, wenn es darum geht, andere Formen der populären Kultur nachzuahmen. Wenn es darum geht, Fernsehsendungen nachzustellen oder die Karrieren von Musikern zu erfinden, wirkt es jedesmal seltsam unbeholfen. Vielleicht wohnt diesen Dingen eine Unmittelbarkeit inne, die sich jeder Simulation entzieht. Das hat die Literatur nicht gehindert, sich doch immer wieder am Kino zu versuchen.

Zu den gelungeneren Beispielen des Kinoromans zählen sicher Nathaniel Wests „Tag der Heuschrecke“, William Kotzwinkles „Filmriss“ und Theodore Roszaks „Flicker“; oder auf anderer Ebene David Thomsons „Suspects“ und Walker Percys „Kinogeher“. Ihnen gelingt es, das Kinogehen selbst zum Erlebnis zu machen, denn man bekommt dabei eine Ahnung, wieviele Biographien sich allein auf der Basis gesehener Filme schreiben ließen. Sie sind voller Nostalgie für ein Leben, das so nie gelebt wurde.

Weil das Kino ein Eisberg ist, sind die Filme, die man zu Gesicht kriegt, nur ein Bruchteil derer, die nie das Licht des Projektors erblicken. Umso reizvoller ist es, diese im Keim erstickten Projekte zu erträumen und Karrieren zu erfinden, die nie stattgefunden haben, also all ihre Versprechen und Verheißungen beim Wort zu nehmen und auszuspinnen.

Wenn man sich die Filmgeschichte als großen Teppich vorstellt, dann haben ihr die beiden Romane „Popcorn“ und „Boy Wonder“ zwei neue Fäden eingewoben, die ganz unterscheidliche Farben haben. Sie schildern fiktive Karrieren, die sich völlig ungeniert an realen Vorbildern entlang hangeln. Wobei beide Autoren das Spiel mit Realität und Fiktion thematisieren, indem sie ihre Erzählungen mehrfach brechen. Man kommt sich in ihrem Labyrinth vor wie Orson Welles, der im Spiegelkabinett der Lady aus Shanghai nicht mehr weiß, welche die echte Rita Hayworth ist.

In „Popcorn“ erzählt der Engländer Ben Elton von dem fiktiven Regisseur Bruce Delamitri, dessen Film Ordinary Americans ganz unverblümt dem realen Natural Born Killers nacherzählt ist. Es geht da um ein Pärchen, das sinnlos mordend eine Blutspur durch die USA zieht, um schließlich den bei der Oscar-Verleihung siegreichen Regisseur als Geisel zu nehmen. Die Geschichte ist mehrfach gebrochen, die Realität grinst einem wie aus tausend Scherben eines zerbrochenen Spiegels entgegen. Mal erinnert sie an den Fall O.J. Simpson, mal an PULP FICTION, und die Dankesrede des coolen, fiktiven Regisseurs ist deutlich dem Sermon des realen Tom Hanks nachempfunden, dem bei der Entgegennahme des Oscars für Philadelphia die eigene Rührung durchging.

„Popcorn“ greift jene Fälle auf, von denen behauptet wurde, reale Pärchen hätten sich bei ihren Untaten an Oliver Stones NATURAL BORN KILLERS orientiert – und wendet sie gegen den Regisseur selbst, der sich plötzlich mit seinen eigenen Geschöpfen konfrontiert sieht. Er läßt sozusagen die Fiktion gegen die Realität antreten, und am Ende weiß man nicht so recht zu sagen, wer von beiden auf der Strecke geblieben ist.

Robert James Baker erzählt in „Boy Wonder“ nicht nur ein einzelnen Ereignis, sondern eine ganze Karriere, die sich an die amerikanische Filmgeschichte anschmiegt, ohne an ihr zu kleben wie „Popcorn“. Baker verwurstet für seine Geschichte des fiktiven Produzenten Shark Trager alles, was in Hollywood nicht niet- und nagelfest ist: den Coppola von ONE FROM THE HEART, den Milius von BIG WEDNESDAY und Roger Corman.

Erzählt wird Tragers sonderbar normale Karriere von seinen Weggefährten, die in Interviews an das tote Monster erinnern. Die Geschichte knüpft immer mutwilliger die abstrusesten Verbindungen und mündet in einen Irrwitz, der die Megalomanie Hollywoods wie kaum eine andere Schilderung trifft. Wer wissen will, wie es kommt, daß der Drehbuchautor von Tragers letztem Film mit einem gebrauchten Präservativ auf der Schulter den Oscar entgegennimmt, ist hier richtig. Wahrscheinlich kann man nur in Hollywood über diesen Roman nicht richtig lachen. Denn der Wahnsinn ist der Wirklichkeit einfach zu ähnlich.

Zu den beiden Neuerscheinungen paßt ganz fabelhaft, daß das Münchner Werkstattkino von Freitag an Peter Jacksons Forgotten Silver zeigt, die von vorn bis hinten erfundene Biographie des neuseeländischen Filmpioniers Colin McKenzie.

JAMES ROBERT BAKER: Boy Wonder. Aus dem Englischen von Brigitte Helbling und Andreas Senn. Rogner & Bernhard bei 2001. 686 Seiten, 39 Mark.

BEN ELTON: Popcorn. Aus dem Englischen von Jörn Ingwersen. Goldmann. 256 Seiten, 20 Mark.

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