29. Oktober 1985 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Literatur | Klagenfurt

Elf Juroren im Obstgarten

Der erste Internationale Publizistik-Wettbewerb von Klagenfurt

Eine Bestandsaufname des deutschsprachigen Journalismus zu geben, hatte sich der 1. Internationale Publizistik-Wettbewerb in Klagenfurt vorgenommen. 25 Autoren waren zur öffentlichen Lesung ihrer Texte eingeladen. 11 Juroren hatten über die Vergabe von 5 ausgesetzten Preisen zu entscheiden. Der mit 150 000 Schilling dotierte Hauptpreis wurde Ulrich Chaussy zugesprochen. Veranstalter waren der ORF und die Stadt Klagenfurt.

Äpfel und Birnen zu vergleichen, war man gekommen. Doch dann sahen sich die namhaften Juroren im ORF-Theater mit einem Mal einer Menge anderem Gewächs gegenüber und wußten nicht so recht, ob und vor allem in welche Kisten sie das zu stecken hatten. Denn über die Krlterien, nach denen sich Journalismus beurteilen ließe, konnte man nur selten einigwerden.

Sicher war nur soviel: Gut mußte es sein – irgendwie. Unter die Haut solle es gehen, irritieren sollte es, aber nicht zu sehr (Stumm), poetisch sollte es sein (Stumm), aber nicht zu sehr (Fink), Klischees wollte man schon gar nicht hören (alle), es sei denn, sie würden „hin- und hergeschoben“ (Harpprecht). Vor allem sollte es betroffen machen (Hruska), aber nicht so, daß man sich selbst darin erkennt (Buchwald über Langenbucher), leise Ironie durfte es schon sein, aber auf keinen Fall Zynismus. Kurzum, alles durfte sein, aber keinesfalls zu sehr. Zwar sollte der Text unbedingt für Leser geschrieben sein, da war man sich einig, aber keinesfalls von einem Boulevardjournalisten.

Wolfgang Höllrigl ist Boulevardjournalist, und er hatte zwei saukomische Reportagen über einen Selbstmörder aus reichem Hause und Star-Jockeis der Galopperszene geschrieben. Sein Pech, daß er das erstens in einem Boulevardjournal getan hatte und zweitens in einer Sprache, die sich „rasant über Stock und Stein“ fortbewegt, denn das wollte Frau Hruska-Deutelmoser von der Münchner Universität überhaupt nicht gefalIen. Sie – so wörtlich – habe sich beim Lachen „ertappt“. Also schaute sie lieber „tiefer“ und fand dort nur „Gefälliges und Lockeres“.

Um eine Moralinstanz, so konnte man in einer Ankündigung des ORF lesen, solle es sich bei der Jury keinesfalls handeln. Was aber nichts daran änderte, daß die Jury oftmals ganz begeistert war von der vorbildlichen Moral der Geschichten. Da legte etwa der „Stern“-Reporter Gerhard Kromschröder eine Reportage über den Neonazismus in Deutschland vor, die nur dann funktionieren konnte, wenn er des Lesers Einverständnis hatte. Verena Hruska-Deutelmoser sah sich veranlaßt, das Werk „vom Inhalt her für vorbildhaft“ zu halten. Das genügte anderen Juroren denn doch nicht, und sie fragten, ob das Stück denn auch von der Form her vorbildhaft sei. Erneutes Rätselraten: Die einen waren der Meinung, daß sich jedes Sujet seinen Autor suche, andere waren sich allerdings nicht ganz sicher, ob „die völlige sprachliche Glanzlosigkeit“ wirklich vonnöten sei. Doch sehr bald stellte man fest, daß solche „Kriteriumsdiskussion nicht weiterführt“, einigte sich darauf, daß „es hier die journalistische Initiative zu bewerten gilt“ und diskutierte noch ein bißchen ohne Kriterien weiter. Der vielgelobte Kromschröder mag sich gewundert haben, warum er in der Schlußabstimmung kein einziges Mal genannt wurde. Doch unerforschlich waren die Ratschlüsse der Herren (und der Dame) nicht nur hier.

Als Günter Lehofer, ein Klagenfurter Lokaljournalist, eine gründlich recherchierte Reportage über die Querelen um den Bau einer Autobahntrasse vorlas, da herrschte auf einmal seltene Einigkeit unter den Juroren (aus irgendwelchen Gründen bekam aber auch Lehofer dann keinen Preis): Wolfgang Langenbucher war beeindruckt von der Feinheit der Sprache, von der Redlichkeit des Autors, seinem Mut, sich Feinde zu machen (der Klagenfurter angegriffene Bürgermeister mochte in Lehofer allerdings keinen Feind erkennen, sondern war einen Abend lang voll des Lobes). Mal davon abgesehen, daß der von den Juroren sonst so begrüßte Spannungsbogen sich hier nirgends so recht spannen wollte, gipfelten Lehofers sprachliche Feinheiten in dem subtilen Bild, daß „die Mitteltrasse im Pfeilregen der Leserbriefe verblutete“.

Ein anderer Kärntner Lokaljournalist hatte weniger Glück. Nach Herzenslust wurde auf seine – wirklich unsäglichen – Texte eingeschlagen. Nun ist es tatsächlich jedermanns eigenes Risiko, sich einem Wettbewerb zu stellen; doch ließen sich solche öffentlichen Exekutionen verhindern, prüfte man die Texte vorher. Da kann es dann auch nicht als Entschuldigung gelten, daß der Teilnehmer den Veranstaltern von außen offenbar aufgezwungen worden war.

„Ist das süß, der Nenning wird, rot!“ Die Begeisterung der Zuhörer neben mir machte klar, daß es sich bei dem „Profil“-Kolumnisten, Talkmaster und linken Enfant terrible, Günter Nenning, um einen Star handelt, einen österreichischen Nationalheiligen. So viel Ruhm brachte die Jury in beträchtliche Verwirrung, die sie jedoch kurzerhand einer boshaften Taktik Nennings zuschrieb. Manfred Buchwald mußte sich der Jurierung verweigern und auch Klaus Harpprecht sah darin einen Sonderfall, der es ihm unmöglich mache, ein Urteil zu fällen. Daraufhin übernahmen die Österreicher in der Jury bereitwillig die Aufgabe, den Deutschen zu erklären, was sie ohnehin schon wußten, daß es sich hier um ein spezifisch österreichisches Phänomen handle. Was heißt: Über die Qualität des Textes von Nenning wurde nicht diskutiert. Und als dann einen Moment lang keiner etwas sagte, ergriff der Gesprächsleiter Humbert Fink dankbar die Gelegenheit und entließ die verwirrten Juroren ans abendliche Buffet.

Doch die Irrungen und Wirrungen nahmen kein Ende, denn der darob erboste Reporter der „Süddeutschen Zeitung“, Herbert Riehl-Heyse, schrieb über eben jene Vorgänge in der Nacht noch eine satirische Reportage, die die Kriterienlosigkeit des Wettbewerbs zum Thema machte. Er begann mit dem ersten Satz seiner ursprünglich vorgesehenen Reportage, um dann abzuschweifen in die Überlegungen eines Kandidaten, der sich nach den vorangegangenen Tagen fragt, ob sein eigentlicher Text den nebulösen Kriterien der Jury überhaupt in irgendeiner Weise entsprechen könne.

Das Publikum war begeistert, die Jury weniger. Sie war sich nicht einig, ob und wie man den Text zu diskutieren, den Regelverstoß zu ahnden habe (einen anderen als den vorher vorgelegten Text zu verlesen, widerspricht den Statuten). In der hellen Aufregung befand Walter von La Roche, er sei nicht in der Lage zu beurteilen, ob es sich dabei um einen publizistischen Beitrag handle, weil er den Text nicht nachlesen und folglich auch nicht darauf eingehen könne. (Die Texte der anderen hatte er auoh erst zu Beginn bekommen und zum Nachlesen war ohnehin nie Zeit weil die Diskussionen direkt im Anschluß an die Lesungen stattfanden.) Und Otto Schulmeister befand gar, daß er nicht hergekommen sei, um einem Anarchisten-Happening beizuwohnen, und verließ zusammen mit La Roche die Jury. Was wiederum den Rest dazu bewog, sich zur Beratung zurückzuziehen.

Als sie zurückkamen, entschieden sie, daß zwar über den Text diskutiert, der Autor allerdings aus dem Wettbewerb ausgeschlossen würde. Daß dann wieder einmal nicht über den Text gesprochen wurde, bezeichnete der ORF in seiner Zusammenfassung als „Selbstsicherheit, aber auch Selbstironie“. Wobei die lronie wohl darin lag, daß zwar immer wieder Journalistische Tugenden begrüßt worden waren, solche Spontaneität – die in jeder Zeitung täglich gefordert wird -, aber dann den Juroren offenbar doch zu tugendhaft war. Und die Selbstsicherheit bestand darin, den Vorfall anderntags einfach nicht mehr zu erwähnen.

Daß trotz der allgemeinen Orientierungslosigkeit mit BR-Redakteur Ulrich Chaussy doch ein würdiger Sieger gefunden wurde, konnte dann kaum mehr versöhnen. Die Auszüge seines Buches „Oktoberfest. Ein Attentat“ honorierte die Jury mit dem 1. Internationalen Publizistikpreis in Höhe von 150 000 Schilling (etwas über 20 000 Mark).

Chaussy setzt mit seinen Recherchen an, wo die polizeilichen Ermittlungen aufgehört hatten. Minuziös rekonstruiert er anhand von Zeugen den Münchner Bombenanschlag vom 26. September 1980 und geht damit über den tagespolitischen Journalismus und dessen kurzes Gedächtnis hinaus. Er klagt an, deckt Widersprüchlichkeiten auf, ohne sich in Emotionen zu verstricken. Der Text wurde von der Jury als Musterbeispiel des investigativen Journalismus gerühmt, der „das Gewissen der Leser wachhält“.

Den zweiten Preis des Landes Kärnten (75 000 Schilling) erhielt der Österreicher Ernst A. Rauter für seine Reportage über die Dolomitenladiner, ein Stück Reiseprosa und politischer Journalismus zugleich, das „durch seine vorbildliche Form besticht“, mit der ein unbekanntes Sujet verständlich geschildert wird. Die Schweizerin Margrit Sprecher wurde für ihr Porträt des Bergsteigers Reinhold Messner, das „nicht den Star, sondern den Menschen zeigt“, mit dem Preis der Credit Anstalt (60 000 Schilling) ausgezeichnet. Der deutsche Satiriker Wolfgang Ebert bekam als vierten Preis 75 000 Schilling für seine ironische Darstellung des linksintellektuellen Opportunismus, und der Schweizer Peter Haffner wurde von der Zeitschrift „titel“ für seine Feuilletons mit dem Preis für literarischen Journalismus ausgezeichnet.

Bleibt zu beklagen, dass die beste Reportage des Wettbewerbs leer ausging, denn der Wiener Markus Peichl fiel dem Proporz zum Opfer; er war weder Satiriker noch Literat, und vor allem keine Frau. Was er über einen, durch einen Motorradunfall behinderten Freund schrieb, zeigt eindringlich-anschaulich, wie die unnatürlichen Reaktionen der Umwelt das Leben der Behinderten zusätzlich erschweren.

Daß Peichl dreimal knapp einen Preis verfehlte, kann man dem Wettbewerb natürlich nicht vorwerfen – solche Ungerechtigkeiten sind in einem Wettbewerb unvermeidlich. Wo allerdings Langenbucher „erste Ansätze zu einer Art Lehrbuch des modernen Journalismus“ sah, ist nicht ganz ersichtlich, zumal der Mangel an Kriterien und die Hilflosigkeit gegenüber Extrembereichen der Publizistik immer wieder in den Diskussionen zutage traten, ohne daß auch nur annähernd Ansätze zu einer formalen Beurteilung gefunden wurden. Die Probleme, die ein so vage definierter Wettbewerb aufwerfen würde, waren abzusehen und hätten besser vorher geklärt werden sollen. Vielleicht müßte man nächstes Mal konkrete Bedingungen in der Ausschreibung festsetzen, damit nicht wieder jemand auf die Idee kommt, nur Vorspänne vorzutragen. Äpfel und Birnen lassen sich – wie man in Klagenfurt sehen konnte – halt doch nicht vergleichen.

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