03. Juli 1990 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Illywhacker

Nepper, Schlepper, Bauernfänger

„Illywhacker", ein australischer Roman von Peter Carey

PETER CAREY: Illywhacker. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1990. 691 Seiten, 44 Mark.

Herbert Badgery ist 139 Jahre alt. Behauptet er zumindest. Aber ganz sicher kann man sich da nicht sein. Denn wenn Herbert Badgery den Mund aufmacht, dann lügt er. Das sei seine Stärke, sagt er, seine besondere Begabung. Das ist nicht unbedingt die schlechteste Voraussetzung für einen guten Erzähler.

Mark Twain hat einmal über die australische Geschichte geschrieben: „Sie liest sich nicht wie Geschichte, sondern wie eine Ansammlung der wunderbarsten Lügen; und es sind alles frische, neue Lügen, keine schimmligen, alten, abgestandenen. Sie ist voller Überraschungen und Abenteuer, Widersprüche und Unglaubwürdigkeiten; aber es ist alles wahr, es ist alles passiert.“

Wie alle Länder, deren Geschichte jung genug ist, um sich noch in Geschichten erzählen zu lassen, ist dieses Land offen für jede Art von Einbildung. Das Australien dieses Buches ist ein Kontinent ohne Gesicht. Erst der Erzähler verleiht ihm Züge. Nicht selten verziehen sie sich zur Grimasse. Aber genausooft bringt er ein vergnügtes Lächeln zustande. Nach und nach bevölkert sich die Welt des Herbert Badgery, und die verschiedenen Gesichter überblenden sich zu einem ein¬zigen, das zusehends Konturen annimmt: Es ist das Gesicht Australiens, das sich hinter jeder Maske versteckt.

Ein ganzes Leben breitet Herbert Badgery vor uns aus, und man darf sich bei einem Mann seines Alters nicht wundern, wenn er mitunter den Faden verliert, oder wenn er in seinem Lügengewebe hin und wieder eine Masche fallen läßt: „…wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht mit dem Rotstift, und versuchen Sie nicht, Lüge und Wahrheit zu trennen, sondern entspannen Sie sich und genießen die Show.“ Das ist die Stärke dieses Romans und seine Schwäche zugleich. Daß diese Entspanntheit einerseits der Phantasie keine Grenzen setzt und sie andererseits auch über Gebühr ausufern läßt. Wie ein großer Strom wälzt sich der Fluß der Erzählung zu seiner Mündung hin, verzweigt sich zu einem Delta von Lebensläufen, die am Ende einfließen in die 139-jährige Biographie dieses Mannes. Eine solche Flut von Material drängt sich in das Flußbett der Geschichte, daß sie mitunter über die Ufer tritt und dort dann versickert Wie bei einer Überschwemmung gehen dann die Konturen der Romanlandschaft unter. Peter Carey weiß durchaus, was er tut. Die Verzweigungen und Verästelungen seiner Lügenbiographie haben System, sie sind bewußt gewähltes Stilprinzip. Denn die Art, wie Herbert Badgery jedes Leben, das seinen Weg kreuzt, zurückverfolgt, spiegelt sich auch in seiner Leidenschaft fürs Häuserbauen. Er nimmt einfach ein Stück Land in der kargen Weite dieses Kontinents in Besitz und beginnt mit dem Bau einer Behausung, keinem Grundriß folgend, sondern einfach Zimmer für Zimmer an- und ineinanderschachtelnd: „Ich dachte, mein Bauen sei eine Sprache, die jeder verstehen konnte. Glaubte sie denn, daß ich völlig grundlos Räume hinzufügte, daß das nur ein Hobby, eine alberne fixe Idee von mir war? Es war ein Balztanz. In Mallee habe ich Vögel dasselbe tun sehen. Sie bauen eine Laube. Sie zeigen sie her. Sie geben keine Erklärungen ab, aber der Sinn liegt auf der Hand.“ So hat Carey auch seinen Roman konstruiert.

Raum um Raum fügt er hinzu, bevölkert manche mit den abenteuerlichsten Gestalten und benutzt andere als Lagerschuppen. Am Ende steht ein gewaltiges Luftschloß da, in dem es vor Leben nur so wimmelt und in dessen Enge man sich manchmal auch auf die Nerven fällt. Wie in dem Gebäude, in dem Herberts Sohn nicht nur seine Tierhandlung untergebracht hat, sondern auch noch seine ganze Familie, die dort in einem vierstöckigen Turm samt Oberlicht zwischen dreibeinigen Waranen und geschwätzigen Papageien nistet. Und Herbert, mittlerweile schon etwas senil geworden, hat bereits kurz nach seinem Einzug wieder Ideen zum Um- und Ausbau des Turms. Als er jedoch den ersten Stahlträger einziehen läßt, tun sich in den Mauern beunruhigende Risse auf, und das Projekt wird auf Protest des Sohnes hin abgebrochen. Was die Unordnung ganz beträchtlich verschlimmert.

Gerade hat Peter Carey das Drehbuch zu dem neuesten Film von Wim Wenders, BIS ANS ENDE DER WELT, geschrieben. Das klingt nach einer abenteuerlichen Mischung: der strenge Formwüle des Deutschen und die phantastische Fabulierlust des Australiers. Zumindest wird das Projekt vielleicht Careys längst fälliger Entdeckung bei uns förderlich sein, denn neben „Illywhacker“ gibt es noch zwei Romane, „Bliss“ und „Oscar and Lucinda“, sowie zwei Bände mit Erzählungen zu übersetzen. Momentan lebt der 47jährige Carey in New York, wo er seinen vierten Roman „The Tax Inspector“ fertiggeschrieben hat. Er sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, Amerikaner zu werden. Ich kann mir nicht vorstellen, über etwas anderes als Australien zu schreiben. Sobald ich mich hinsetze, um zu schreiben, bin ich Australier.“

Nur dort ist noch genügend Platz für seine raumgreifenden Lügengebäude, nur dort kann er zum Illywhacker werden. Auf deutsch bezeichnet das so etwas wie Nepper, Schlepper oder Bauernfänger, Leute also, denen das Lügen Beruf und Berufung zugleich ist. Was tun Schriftsteller anderes?

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