03. Juli 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Tante Daniele

Alter schützt vor Bosheit nicht

Etienne Chatiliez‘ zweiter Spielfilm TANTE DANIELE

Hunde und Kinder sind schon unerträglich. Aber alte Leute sind wirklich das Letzte. Mit dauerndem Gejammere und Gesabbere terrorisieren sie ihre Umwelt. Sie freuen sich über nichts und fallen allen zur Last. Nach TANTE DANIELE wissen wir, daß sie das absichtlich tun. Alles Mitgefühl ist umsonst und jede Rücksicht völlig verfehlt. Das Leben mag vielleicht aussehen wie ein langer ruhiger Fluß, in Wirklichkeit aber ist es ein reißender Strom, in dem man sich nur auf Kosten anderer über Wasser halten kann. Und wenn die Kräfte im Alter nachlassen, dann muß man zu anderen Mitteln greifen.

Vom Plakat herab grinst sie uns zu, und der Spruch darüber verspricht nicht zu viel: „Ihr kennt sie noch nicht. Aber sie haßt Euch schon jetzt.“ Tante Daniele ist in der Tat ein Biest. Nachdem sie ihre alte Haushälterin unter die Erde gebracht hat, nimmt die Familie ihres Neffen sie zu sich. Zum Dank tritt sie bei jeder Gelegenheit den Hund, frißt nachts den Kühlschrank leer und fängt aus purer Bosheit an, ins Bett zu machen. Und als die Familie in den lang ersehnten Griechenland-Urlaub fährt, schlägt sie erst richtig zu. Das hätte ein wirklich herrlich bösartiger Film werden können.

Etienne Chatiliez kommt aber aus der Werbung. Dort hat er den Umgang mit Klischees gelernt. Sein größtes Vergnügen als Regisseur besteht nun darin, sie in ihr Gegenteil zu verkehren. Alles, was der Werbung heilig ist, wird durch den Schmutz gezogen. In seinem Erstling DAS LEBEN IST EIN RUHIGER LANGER FLUSS führte das zu einem vergnüglichen Showdown bürgerlicher Werte. Auch wenn es jenseits der Abrechnung mit der Bourgoisie nicht viel zu entdecken gab.

In seinem zweiten Film hat sich das Talent des Regisseurs erschöpft. Nachdem nun das fruchtbare Chaos des Erstlings fehlt, ordnet sich alles dem gleichen Stilprinzip unter. Die Komik beschränkt sich darauf, daß die Alte hinter dem Rücken der dämlichen Familie Grimassen schneidet. Kaum hat einer das Zimmer verlassen, äfft Tante Daniele ihn nach. Und mit ihr macht sich auch der Regisseur über sein ganzes Personal lustig. Das ist nicht immer zum Lachen.

Immerhin findet diese stilistische Konsequenz eine thematische Entsprechung. Denn Chatiliez geht seinen Weg zu Ende, spart keine senile Ekelhaftigkeit aus. Von dieser Direktheit lebt der Film in seinen besseren Momenten. Aber zumeist ist er im Ansatz witziger als in der Ausführung.

So bleibt nur die Botschaft: bloß keine falschen Rücksichten. Denn sie werden einem nicht gelohnt. Schon gar nicht von alten Leuten.

(In München im City, Filmcasino und Marmorhaus).

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