01. Juli 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Joe gegen den Vulkan

Ernsthaft kindisch

John Patrick Shanleys Film JOE GEGEN DEN VULKAN

Eigentlich war alles da, was man für einen Erfolg braucht: In den Hauptrollen Tom Hanks und Meg Ryan, ein richtig netter Kerl und das süßeste Lächeln Hollywoods; als Produzenten das erfolgreiche Team Spielberg-Kennedy-Marshall; und für Regie und Buch John Patrick Shanley, der als Autor von MONDSÜCHTIG 1987 einen Oscar gewonnen hat. Der Film wurde ein Flop in Amerika. Der Grund liegt auf der Hand. JOE GEGEN DEN VULKAN ist für Kinder zu ernst und für Erwachsene zu infantil. Schön ist er trotzdem.

Die Geschichte ist einfach. Joe ist wie jedermann. Er arbeitet zu viel und wagt zu wenig. Erst als er erfährt, daß er nur noch fünf Monate zu leben hat, nimmt er sich vom Leben, was er braucht. Um ihm den Abschied vom Leben zu versüßen, schlägt ein Unternehmer (Lloyd Bridges) Joe einen Vertrag vor: Der Todeskandidat soll, bevor seine Zeit endgültig abgelaufen ist, freiwillig sein Leben opfern. Dafür darf er fünf Monate lang nach Lust und Laune die Kreditkarten des Unternehmers benutzen.

Joe willigt ein, obwohl die Abmachung von ihm verlangt, in einen Vulkan zu springen, um dem Unternehmer ein Inselvolk gewogen zu stimmen. Aber nach seinem mausgrauen Leben erscheint ihm dieses letzte Abenteuer ein geeigneter Abgang. Unvorher kauft er noch einmal richtig ein. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Shanleys Erstling ist randvoll mit Farben und Einfällen. Vom kafkaesken Anfang bis zum kunterbunten Ende besitzt der Film eine ungewöhnliche Sorgfalt im Umgang mit Licht, Design und Kamerabewegungen. Es gibt eine herrliche Rückfahrt vor einer ziegelroten Mauer, nachdem Joe vom Arzt (Robert Stack) kommt und ein tolles Panorama des nächtlichen Manhattan, das diesmal in lauter bunten Farben strahlt, weil sich Hanks und Ryan gerade verliebt haben.

Stephen Goldblatt, der schon COTTON CLUB und LETHAL WEAPON photographiert hat, nutzt mit seinem Regisseur das Breitwandformat sehr bewußt für dieses romantische Abenteuer. Die Kamera malt mit großer Lust die romantischen Phantasien aus und findet sehr beredte Einstellungen für die Traurigkeit, die der Film auch kennt.

Für einen Film mit so einem doofen Titel ist das fast schon zu viel des Guten.

(In München im Mathäser und Marmorhaus.)

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