28. März 1985 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Der Idiot des Südens

Der letzte Gentleman reist ans Ende aller Zweifel

Walker Percys ironischer Roman „Der Idiot des Südens“

WALKER PERCY: Der Idiot des Südens. Roman. Aus dem Amerikanischen von Peter Handke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 465 Seiten, 36 Mark.

William Barrett hat Probleme mit der Welt. Weniger der möglicherweise nahende Weltuntergang bedrückt ihn, als vielmehr die Aussicht, einen völlig normalen Mittwochmorgen vor sich zu haben. Dabei wünscht er sich nichts sehnlicher, als ein einfaches Leben führen zu können; mit seiner Alabama-Braut, einem warmen Ofen und einer Tasse Tee. Doch dieser Traum wird immer wieder überlagert von tiefem Mißtrauen gegen die Banalität des Alltags: Nicht glauben wollen, daß das Leben so einfach ist, daß es nicht noch einen versteckten Sinn hinter den Dingen gibt. Das verbindet Will Barrett mit dem „Kinogeher“ Jack Bolling, dem Titelhelden von Walker Percys 1961 erschienenen ersten Roman. Auch ihr Ende wird sich gleichen: sie fangen neu an.

Will Barrett ist der „Idiot des Südens“, oder auch, wie es der Originaltitel, die Ironie des Textes beibehaltend treffender bezeichnet, der letzte Gentleman. Der 50jährige Walker Percy folgt in seinem zweiten, 1966 erschienenen Roman über 460 Seiten seinem 25jährigen Helden, der seine Fremdheit, seine Zweifel und seine Anfälle von Amnesie als eigenes Versagen empfindet, auf einem Weg von New York durch die amerikanischen Südstaaten.

Unmittelbarer Anlaß ist das Angebot eines Mr. Vaught – ein alter Familienfreund, den Barrett zufällig in einem New Yorker Krankenhaus trifft -, er möge sich gegen entsprechendes Entgelt um dessen todkranken Sohn Jamie kümmern. Das Angebot kommt Barrett zupaß, hat er sich doch in Jamies Schwester Kitty verliebt und kann fortan in ihrer Nähe sein. Die Zeit bis Jamies Tod ist auch die Zeit des Romans, sein Sterben kontrastiert die Reise Barretts ans Ende seiner Zweifel, bis dieser sich endlich „an alles erinnerte, wußte, was er wußte, und was er zu wissen wünschte“.

Weltausschnitt im Fernrohr

Alles beginnt im New Yorker Central Park. Will Barrett beobachtet seine Umgebung durch ein Teleskop und hat dabei den Eindruck, zum Wesen der Dinge vorzudringen. Wie der Kinogeher hat er mehr Vertrauen in das Abbild der Dinge als in die Dinge selbst, glaubt darin die Wirklichkeit wiederentdecken zu können, die ihm sonst in der alltäglichen Umgebung zu Beliebigkeit zerrinnt. Die Entschiedenheit, mit der der Fernrohrblick – wie zuvor die Kinoleinwand – einen Ausschnitt der Welt auswählt, ihm Form und Substanz gibt, geht Barrett ab. Er hingegen befindet sich in einem Zustand der reinen Möglichkeit und wartet auf „dieses oder jenes Zeichen, das ihn veranlaßt, hinabzusteigen aus dem Bereich des Möglichen in den Bereich des Verwirklichten“.

Was ihm auf der räumlichen Ebene Probleme bereitet, das setzt sich auf zeitlicher Ebene fort. Barretts Traum: jemand zu sein, der der Zeit selbst Maß und Form gibt. Solange das nicht der Fall ist, gerät sein Zeitsinn immer wieder durcheinander, stimmt nicht ganz überein mit der Gegenwart. Seine mangelnde zeitliche Orientierungsfähigkeit bewirkt Springfluten von déjà-vus; er kann die Ereignisse in Zeit und Raum nicht mehr festmachen. Deshalb wird er immer wieder von der Vergangenheit, von Erinnerungen an seinen Vater heimgesucht: Gehörtes und Erlebtes werden ihm ununterscheidbar. In besonders schlimmen Fällen erleidet er einen Anfall von Amnesie, von Gedächtnisverlust, wo dann „unversehens all die kleinen Zeitereignisse, die kleinen Zeit-Füller…aufhörten, und das Band lief ohne Geräusche“.

Was solchermaßen verkürzt abstrakt klingen mag, bettet Percy in seinen großen Erzählfluß; Wahrnehmungstheorien und psychoanalytische Weisheiten bleiben den Figuren untergeordnet, sind nie Selbstzweck, sondern dienen ihrer sorgfältigen Beschreibung. Wie er die Befunde verknüpft und zu einem Gesamtbild zusammenfügt, beweist nicht nur ein breit gefächertes Wissen, sondern vor allem auch Percys handwerkliches Können als Erzähler. Darin gleicht ihm Peter Handke, der auch diesen zweiten Roman übersetzt hat: flüssig und ganz im Dienst des anderen. Daß er einer Entdeckung wegen die mühselige Übersetzerarbeit leistet, ist ihm, dem Berühmten, hoch anzurechnen.

Einer, der vom Betrachten nicht genug bekommen kann, ist natürlich niemals Handelnder, sondern bleibt möglichst in seiner passiven Rolle – sein Geld verdient er nicht selbst, sondern es stammt aus einem Erbe -, reagiert anstatt zu agieren. Das führt bei Barrett so weit, daß er sich zum Meister der Anpassung entwickelt hat, zum Mann ohne Eigenschaften. Daraus speist sich der Humor des Romans, wie er die Redeweise der verschiedenen Leute, ja sogar ihre Verhaltensmuster übernimmt, um keine Angriffsflächen zu bieten. Schwierigkeiten hat er nur mit den Negern, die wie er „ganz Ohr, ganz Auge, ganz Antenne“ sind. Was ihn zu der Überlegung veranlaßt: „Ich hätte als Neger auf die Welt kommen sollen, meine Verkehrtheit fände dann ihre Kehre… und das Leben wäre einfacher.“ Die Weißen hingegen verwechseln sein Beobachten, sein Schweigen oftmals mit Wissen.

Barrett rätselt über dem Ausdruck „es gehe mit jemandem bergab“, er kann sich darunter nichts vorstellen, ist nicht in der Lage zu abstrahieren. Genauso macht ihm die Luft, also die Leere zwischen ihm und seiner Umgebung zu schaffen, er schafft es nicht, sie einfach zu ignorieren, als Leere zu begreifen. So wird sie zur Bedrohung: Er muß versuchen den Partikeln, den gefräßigen Teilchen zu entwischen. Erst als seine Reise zu Ende ist und Jamie stirbt, kommt es zur allerletzten Fäulnis der Moleküle, zur Befreiung. Endlich ist er da, der Augenblick, „da schlecht schlecht wäre und gut gut und man man selber wäre und klar wüßte was was war“.

„Der Idiot des Südens“ ist ein ironischer Roman. Kein Wunder, Percy schreibt an einer Stelle über Barretts Ahnen, sie hätten irgendwann ihre Handlungsfähigkeit verloren und sich daraufhin der Ironie zugewandt. Gleiches mag für Percy selbst gelten. Er hatte jahrelang als Arzt gearbeitet, ehe ihn eine schwere Krankheit zur Aufgabe seines Berufes zwang und er im Alter von 45 Jahren mit dem Schreiben begann: Hinwendung zur Ironie. Dazu gehört auch, daß Barrett im Text meist „der Techniker“ genannt wird, obwohl er doch eher zufällig Wartungstechniker in einem Warenhaus gewesen ist. Über die Befindlichkeiten eines 25jährigen von einem doppelt so alten Schriftsteller zu lesen, ist ein großer Vorzug. Was bei einem Jüngeren oft genug wehleidig und überfrachtet gerät, ist bei Walker Percy durchzogen von abgeklärter Heiterkeit, von Liebe zu den Figuren, lebt vom souveränen Umgang mit der Geschichte. Da muß einer nichts mehr beweisen, das kann man dem Text mit jedem Wort anmerken.

Die Erkenntnis am Schluß ist ein Neuanfang: „Es ist gar nichts falsch daran. Ich sehe jetzt, daß an einem solchen Leben nichts falsch ist.“ Nicht Resignation, sondern Bescheidung.

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