07. Oktober 1998 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Edward Hopper

Ruhe über den Gipfeln

Edward Hopper – seine Bilder, sein Leben und seine Frau Jo

GAIL LEVIN: Edward Hopper. Ein intimes Porträt. Aus dem Englischen von Christiane Court. List Verlag, München 1998. 894 Seiten, Abbildungen, 78 Mark.

Vielleicht ist es gefährlich, 900 Seiten lange Biographien mit einem Zitat wie dem folgenden zu beginnen: „Manchmal ist Reden mit Eddie, als ob man einen Stein in einen Brunnen wirft, bloß daß man es nicht plumpsen hört, wenn er unten ankommt.” So sprach Edward Hoppers Frau Jo über ihren Gatten, und im Grunde ist damit alles gesagt. Denn was für das Reden mit Hopper gilt, trifft auch für das Schreiben über ihn zu. Seine Biographin Gail Levin wirft einen Stein nach dem anderen in den Brunnen, aber richtig Platsch macht es nie. Andererseits ist das vielleicht auch gar nicht möglich und nötig, weil sich in diesem schön anschaulichen Bild viel von dem spiegelt, was Hoppers Anziehungskraft ausmacht. Die Fragen, die seine Bilder aufwerfen, verweigern sich allen Antworten und Deutungen. Sie leben geradezu davon, daß sich alle Steine, die der Betrachter in sie hineinwirft, in ihnen verlieren. Der Schwindel, der einen davor befällt, ähnelt durchaus dem freien Fall eines Steines in einen Brunnen ohne Grund.

Es ist nicht so, daß Gail Levin keine Antworten auf die Fragen finden würde, welche die Bilder stellen – nur sind die Antworten, die das Leben des Paares bereit hält, so wenig erfreulich, daß eine Übertragung auf die Situationen, von deren Undurchdringlichkeit die Bilder leben, wenig befriedigend ist. All das, was offen bleibt, wenn man Nighthawks oder Summer in the City betrachtet, bekommt in dieser Lesart eine Eindeutigkeit, die den Bildern alle Geheimnisse austreibt. Es ist ohnehin zweifelhaft, wenn Hoppers Vorliebe für die Szene aus Three Little Pigs, in der die Schweinchen vom Wolf mit einem Apfel im Maul in den Ofen geschoben werden, in dem Satz mündet: „Der schroffe, wortkarge Mann schien sich unbewußt mit Rachephantasien zu tragen”. Andererseits ist diese Biographie reichhaltig genug, daß sich jeder seinen eigenen Reim auf dieses Leben machen kann.

Es wird zum Beispiel schon seinen Grund haben, warum Hopper so viel Wert darauf legte, die Situationen in seinen Bildern in der Schwebe zu halten. Zu Mann und Frau im nächtlichen Büro von Office at Night sagte der Maler: „Ich hoffe, es wird nicht irgendeine offensichtliche Anekdote, das ist nämlich nicht beabsichtigt.” Man hatte geradezu den Eindruck, seine Bilder würden immer vieldeutiger, je eindeutiger ihn das Gewicht der Welt und die Schwerkraft der Gefühle hinabzog. In Anbetracht seiner schwierigen Ehe muß man die Ambivalenz seiner Gemälde geradezu als Zeichen einer Hoffnung deuten, es könne sich alles doch noch zum Guten wenden, auch wenn es nicht wirklich danach aussieht.

Als die vierzigjährige Jo 1923 den ein Jahr älteren Hopper kennenlernte, war er ein „langer, magerer, hungriger Kerl, der selten den Mund aufmacht”. Er sprach sie mit den Worten an: „Hey, ich habe gestern Ihre Katze gesehen.” Als sie ihn später mal aufforderte, ihr drei Gründe zu nennen, warum er sie geheiratet habe, antwortete er: „Du hast Locken. Du kannst Französisch. Und du bist eine Waise. ” Das sind zweifellos drei gute Gründe, aber die falschen. Daß Jo ebenfalls Malerin war und ihre Leidenschaft der Karriere ihres Mannes opferte, ist etwas, was Hopper zeitlebens ignorierte. Besonders in dieser Sache ergreift Gail Levin immer wieder Partei und verwandelt die Erfolgsbiographie des Malers in eine ergreifende Schilderung weiblichen Scheiterns an der Seite eines genialen Despoten. Sie hatte auch gar keine andere Wahl, weil die verletzte Seele der Lebensgefährtin der einzige Spiegel ist, der ein einigermaßen anschauliches Bild des wortkargen Mannes zurückwirft.

43 Jahre lang hat Jo bis zu Hoppers Tod 1967 an seiner Seite gelebt, und das allein ist schon eine gewaltige Leistung bei einem Mann, der seine Krise stets an ihr ausließ. Besonders wenn es ums Autofahren ging, erwies sich Edward als engstirniger Patriarch. Immer wieder kommt es zu Szenen, bei denen ein tobsüchtiger Hopper seiner Frau ins Steuer greift oder sie mit Gewalt aus dem Auto zu zerren versucht. Nach einem Disput beim Einparken heißt es in Jos Tagebuch: „E. rastete aus und mimte für die nächste Stunde oder so den absoluten Gorilla. ” Geradezu rührend ist es, wenn Jo 1958 ein Buch mit dem Titel How to Live With a Neurotic liest und überrascht feststellt, daß nicht sie, wie Hopper ihr dauernd weismachen wollte, sondern er der Neurotiker ist. So wenig man dem Maler nahekommt, so viel erfährt man über den ganz normalen Wahnsinn der Unterdrückung von Frauen durch Männer.

Hoppers Lieblingsgedicht war Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh”, und das hat weniger mit der Todesnähe als mit der Abwesenheit von Menschen zu tun. Schon als er noch für Zeitschriften zeichnete, hatte er eine unüberwindliche Abneigung gegen „Grimassen und mit den Armen fuchtelnde Leute”: „Ich habe mich immer für Architektur interessiert. Vielleicht bin ich nicht sehr menschlich, aber was ich wollte, war, Sonnenlicht auf einer Hauswand zu malen.” So floh er immer wieder in Ansichten von Natur und Architektur, die zur Bühne für die existenzielle Einsamkeit des Menschen wurden. Seine Frau schrieb dazu etwas süffisant: „Er ist so eigensinnig, er nimmt sich irgendwas direkt vor seiner Nase und bringt es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. ” Die Realität könne schön sein wie eine Ansichtskarte, fährt sie fort, Hopper mache daraus jene Art von Postkarten, „die man gewiß nie in die Hand nehmen würde. ”

Wie nicht anders zu erwarten, ist die überzeugende Einfachheit der Bilder Ergebnis qualvoller Phasen, in denen sich „nichts zu einem Bild zu verdichten schien.” In Zeiten der Depression versuchte Jo immer wieder, ihrem Mann die Angst vor der weißen Leinwand dadurch zu nehmen, daß sie sich selbst an die Staffelei setzte und zu malen anfing. Manchmal klappte das, manchmal nicht. Gail Levins Übertragung des Ehelebens auf die Bilder ist insofern nicht ganz abwegig, als Jo auch im hohen Alter noch für jede Frauenfigur Modell stand. Und Edward verewigte sie in Situationen, die er im wirklichen Leben regelmäßig verdarb. Sie konnten zwar nicht mit-, aber schon gar nicht ohne einander.

Es wird gerne behauptet, Sonnenlicht in einem leeren Zimmer sei Hoppers letztes Bild gewesen. Das würde übereinstimmen mit seinem Traum, nichts als das Spiel des Sonnenlichts zu malen. In Wirklichkeit ist sein letztes Bild Two Comedians, ein Schauspieler und eine Schauspielerin, die sich von einer leeren Bühne herab verbeugen. Das ist kein glückliches Ende, aber vielleicht die einzige Zuneigung, zu der Hopper seiner Frau Jo gegenüber fähig war.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


7 + sieben =