16. September 1994 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Golf und Psyche

MICHAEL MURPHY: Golf und Psyche. Der Weg zum intuitiven Golf. Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Windgassen. Kabel Verlag, Hamburg 1994. 247 Seiten, 39,80 Mark.

Wer schon einmal vor der Aufgabe stand, einen kleinen weißen Ball mit einem langen dünnen Schläger treffen zu müssen – und zwar richtig -, der weiß, daß man in so einer Situation ausgesprochen labil ist und deshalb anfällig für Hokuspokus aller Art. Man fleht dann alle guten Geister an, betet zu Gott oder verschreibt seine Seele dem Teufel. In diesem Moment ist man also zu allem fähig – außer dazu, den Ball genau zu treffen.

Man kann es auch anders formulieren, wie John Updike etwa, der sagte, Golf sei die Sportart, „wo die Mauern zwischen uns und dem Übernatürlichen am durchlässigsten sind“. Kein Wunder also, daß Michael Murphy – Gründer des Esalen- Instituts in Big Sur, einem Zentrum für Körper- und Psychotherapien aller Art – den Golfsport gewählt hat, um sich ins Jenseits aller Schwerkräfte katapultieren zu lassen. Und da vergißt er natürlich nicht zu erwähnen, daß einst der Astronaut Alan Shepard mit einem Eisen 6 in der Fra Mauro Region des Mondes zwei Bälle geschlagen hat. Eine Sternstunde für alle Golfer.

Unter Golfern ist das 1973 erschienene Golf in the Kingdom längst ein Kultbuch. Das liegt zum einen an seiner originellen Art, das Spiel von innen her aufzuzäumen, und zum anderen an Murphys Talent, dem ganzen einen unterhaltsamen Rahmen zu verleihen. Grob gesprochen ist das Buch eine Mischung aus Siddharta und ‚Zen oder die Kunst, einen Golfball zu schlagen‘, ein Zwitter aus Roman und Lehrbuch, halb Bibel, halb Fibel. Und am Ende des Buches finden sich denn auch in einer Liste von Leuten, „die Bescheid wußten“, so unterschiedliche Namen wie Henry Ford und Pythagoras, General Patton und Salvador Dali, Gustav Mahler und Sherlock Holmes, die Autoren der Upanischaden und die Bewohner Sibiriens, Patagoniens und Perus. Woran man schon sieht, daß die Bögen, die das Buch schlägt, mindestens so weit gespannt sind wie die Flugbahn eines Balles, den man mit dem sweet spot getroffen hat.

Der Erzähler erinnert sich an einen Junitag im Jahr 1956, als er auf dem Weg in einen indischen Ashram in Schottland Halt machte und dabei in 24 Stunden ins wahre Wesen des Golfspiels eingeführt wurde. Seinen Meister findet er in einer Lichtgestalt mit dem merkwürdigen Namen Shivas Irons, die ihm den Weg ins Königreich des Golf weist, dorthin, wo ‚Ströme der Herzkraft den Ball zu tragen vermögen‘. Zusammen spielen sie eine Runde, dann trinken sie in Gesellschaft Whiskey, um schließlich nochmal in die Nacht hinauszuwanken und eine weitere Runde Golf in der Finsternis zu spielen. Was kein Problem ist, wenn man sich auf seinen „Innenleib“ konzentriert. So geht es dahin, so werden die spirituellen Grundlagen des Spiels langsam ausgebreitet. Mal ist Golf „das Yoga des Superminds“, mal ist es ‚ein Mikrokosmos der Welt, eine Bühne, auf der das Drama unserer Selbsterfahrung optimal in Szene gesetzt wird‘. Besonders im zweiten Teil des Buches, in dem der Erzähler die fiktiven Tagebuchnotizen seines Meisters deutet, wird der kleine Golfball zum „Mikrokosmos der Weltdisziplinen“, in dem ‚wir wie Windvögel nur von einer dünnen Schnur am Boden gehalten werden“. Trost findet man dann vor allem in Sätzen wie diesem: „Vergessen Sie nicht, daß Ihr Handicap kein exaktes Spiegelbild Ihrer Seele sein kann.“ Gottseidank!

Ob sich mit dem Buch die PGA-Tour gewinnen läßt, ist zweifelhaft. Aber in einer Disziplin, in der der Erfolg so sehr an einem seidenen Faden hängt wie beim Golf, ist alles erlaubt, was nützen kann. Denn zwischen Himmel und Erde gibt es mehr Dinge, als sich ein Golfer träumen läßt.

Vom Golfloch zum Loch-Buch: Wer weiter einputten will mit Michael Murphy, mag sich an seinen „QuantenMensch“ machen (Verlag Integral, Wessobrunn 1994. 817 Seiten, 69 Mark), wo es um die ‚Zukunft des Körpers‘ (so der Originaltitel) geht, das heißt um den Zusammenhang zwischen Körper und Seele und Geist.

Reaktionen:

Wunder im Bücherleben

Leserbrief

Hochinteressant las ich in der SZ vom 16. 9. die Buchbesprechung von Michael Murphys "Golf und Psyche". "Der Weg zum intuitiven Golf", übersetzt von M. Windgassen. Kritik von Michael Althen.

Wie das Bücherleben so spielt, übersetzte (verkürzte und bearbeitete) ich genau dasselbe Buch meines kalifornischen Freundes Murphy 'Golf in the Kingdom' (72), kreierte ich den Titel "Golf und Psyche". "Der Weg zum intuitiven Golf", erschienen im Wila-Verlag 1977. Weder der Herausgeber noch der Wila- oder Kabelverlag fragten an. Dann kann ich mir die Urheberverletzung nur so erklären, daß jemand wie durch ein Wortwunder auf denselben Titel kam. Welch ein Zufall! (Bei einer Wahrscheinlichkeit von 1:100 Millionen.)

DR. JOACHIM SEIDL

Süddeutsche Zeitung, 29. 09. 1994

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