17. September 1994 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Die Faust Gottes

Im Dienste der Wirklichkeit

Frederick Forsyth macht sich seinen Reim auf den Golfkrieg

FREDERICK FORSYTH: Die Faust Gottes. Roman. Aus dem Englischen von Wulf Bergner. Verlag C. Bertelsmann, München 1994. 640 Seiten, 48 Mark.

Der erste Satz ist perfekt. Wie eine Bombe, die scharf gemacht wird. So müssen Thriller anfangen: ‚Der Mann, der noch zehn Minuten zu leben hatte, lachte.‘ Mustergültig. Ein gewöhnlicherer Autor hätte geschrieben: ‚Als der Mann lachte, wußte er noch nicht, daß er nur noch zehn Minuten zu leben hatte.‘ Forsyth ist anders. Sein erster Satz ist glasklar, und doch bleibt genug im Unklaren. Wer ist der Mann? Warum muß er sterben? Und warum lacht er? Ist es Ahnungslosigkeit oder Galgenhumor? Auf jeden Fall tickt von nun an die Bombe, und man wird nicht eher aufhören zu lesen, bis die zehn Minuten um sind.

Die Zeit ist sehr bald um, und der Mann tot. Von da an wird es leider zäh. Und das ist man bei Forsyth nicht gewohnt. Seit seinem ersten Roman, dem perfekten Thriller Der Schakal, hat es der Engländer immer verstanden, seine Bücher spielend in Gang zu bringen. Mit dem Einstieg hat er das Uhrwerk aufgezogen, und dann schnurrte es bis zum Ende durch. Unerbittlich, präzise, mitleidlos. Diesmal ist er alles das, und doch funktioniert es nicht. Warum?

Die Vermischung von Fakten und Fiktionen war schon immer seine Spezialität. Forsyth hat seine Geschichten so nahtlos in die Wirklichkeit eingepaßt, daß zum Schaudern noch das Staunen kam. De Gaulle kannte man. Daß er nicht einem Attentat zum Opfer gefallen war, wußte man. Und dennoch fieberte man mit dem Schakal. Diesmal ist es der Golfkrieg. Den Ausgang kennt man auch. Was wirklich passiert ist, weiß man nicht. Und man fiebert auch nicht. Oder zumindest zu selten. Denn auf jeder Seite will Forsyth beweisen, wie gut er recherchiert hat. Hintergründe, Zusammenhänge, Waffensysteme. Auch das hat er immer schon gemacht. Wie sich der Schakal ein Gewehr anfertigen ließ, das in eine Krücke paßt, wurde bis ins kleinste Detail geschildert. Und war spannend. Weil die Realität im Dienste der Geschichte stand. Diesmal ist es umgekehrt.

Die Faust Gottes ist also eher ein spannendes Sachbuch als ein guter Thriller. Die Geschichte eines britischen Undercover-Agenten, der in Bagdad den Kontakt zu einem Verräter aus dem Umfeld Saddams halten muß, ist nicht schlecht ausgedacht, verliert sich aber immer wieder in der Wirklichkeit des Golfkrieges. Und manchmal merkt man richtig, wie der Autor verzweifelt versucht, irgendwo seine Fiktionen einzuhaken. Da wird dann umständlich ein amerikanischer Pilot eingeführt, dessen einzige Funktion darin besteht, der unübersichtlichen Menge der alliierten Piloten ein Gesicht zu verleihen. Immerhin verleiht Forsyth diesem Krieg ein anderes Gesicht als das Image, das einst das Fernsehen entworfen hat. Das wahre Gesicht ist es deshalb noch lange nicht.

Es heißt, Forsyth habe viel Geld verloren. Deshalb müsse er nun wieder Bücher schreiben. Aha.

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