16. November 1993 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Desperado & Buffalo Girls

Die Hälfte der sichtbaren Welt

Larry McMurtry über den nicht so wilden Westen

LARRY McMURTRY: Desperado. Roman. Aus dem Englischen von Olaf Kraemer. Ullstein Verlag, Frankfurt/M., Berlin 1993. TB 22937. 344 Seiten, 12,80 Mark.

LARRY McMURTRY: Buffalo Girls. Roman. Aus dem Englischen von Astrid und Hans Herzog. Ullstein Verlag, Frankfurt/M., Berlin 1993. 434 Seiten, 39,80 Mark.

Vielleicht war der Wilde Westen nur eine Erfindung. Vielleicht sind all die Geschichten nur der überspannten Phantasie eines Landes entsprungen, das sich nach eigener Geschichte sehnte. Von Wyatt Earp zumindest weiß man, daß er noch zu Lebzeiten einem Biographen eine Lebensgeschichte diktierte, die eher auf Legende denn auf Wahrheit aus war. Und daß Buffalo Bill aus dem Wilden Westen schon einen Zirkus machte, als er noch im vollen Gange war, sollte hier schon deshalb bekannt sein, weil Bill vor hundertundein Jahren mit seiner Show in München gastierte.

„Ich bin der Wilde Westen“, schreibt Calamity Jane in „Buffalo Girls“ an ihre Tochter, „da braucht es keine Show, ich habe zu denen gehört, die ihn wild gehalten haben, warum sollte ich mich von einem Haufen feiner Stinker begaffen lassen?“ Ob allerdings Janes Erinnerungen wirklich der Wahrheit entsprechen, ist mindestens so ungewiß wie die Existenz ihrer Tochter, an die sie all ihre tapferen, traurigen Briefe schreibt. Da läßt Larry McMurtry auf genauso geschickte Art dem Zweifel eine Chance wie in Desperado, wo der Erzähler sein Geld mit Groschenromanen verdient. So wird der Blick auf den Westen doppelt gebrochen: Nicht nur die Legenden werden in Frage gestellt, sondern auch die Wahrheit dahinter.

Die beiden Romane sind also Bücher für Westernfans und solche, die es nie werden wollten. Der eine befaßt sich mit Billy the Kid, der andere mit Buffalo Bill und seiner Show, aber die beiden Legenden sind nur Figuren, in deren Schatten ganz andere Helden die Hauptrolle spielen. Und dabei belegen sowohl „Desperado“ als auch „Buffalo Girls“ Larry McMurtrys Rang als einer der größten Geschichtenerzähler der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

Obwohl man auch hierzulande die Verfilmungen von Die letzte Vorstellung und Texasville, von Zeit der Zärtlichkeit und Weg in die Wildnis kennt, sind erst sieben von Larry McMurtrys sechzehn Romanen übersetzt worden, ohne größere Aufmerksamkeit zu erfahren. Dabei erzählt der heute 57jährige Texaner mit so viel Witz und Herz und Verstand, daß er die meisten der bei uns bekannteren Amerikaner spielend in den Schatten stellt. Aber selbst in seiner Heimat ist er zumeist auch nur als 1985 pulitzerpreisgekrönter Autor von Lonesome Dove bekannt. Es gibt bei ihm also durchaus noch einiges zu entdecken.

In „Desperado“, der im Original „Anything for Billy“ (1988) heißt, folgt man Benjamin J. Sippy, der schon Hunderte von Western geschrieben hat, auf seiner ersten Reise durch den Westen. Dabei muß Sippy feststellen, daß nicht nur der Westen nicht dem Bild entspricht, das er sich von ihm gemacht hat, sondern daß auch seine Helden nicht ganz halten, was die Legenden versprechen. Als er etwa zum ersten Mal Billy the Kid begegnet, ist dieser zwar sehr auf seine Reputation bedacht, hat aber in Wirklichkeit noch keiner Fliege etwas zuleide getan. Er ist nichts als ein von Migräneanfällen und Aberglauben geplagter, meist liebenswürdiger Halbstarker, der hinter seinem Ruf herhinkt. Erst später wird Billy, „was er schon immer gewesen sein soll: ein eiskalter Killer“. Und Sippy erlebt, daß die Wahrheit, die er bezeugen kann, nichts auszurichten vermag gegen die Lügen, die über seinen neuen Freund im Umlauf sind. Andererseits darf der Autor erleichtert feststellen, daß auch im Westen seine Romane gerne gelesen werden, obwohl ihm ihr Mangel an Realismus hier peinlich bewußt wird.

„Man kann sich nicht vorstellen“, schreibt Sippy, „wie weit Leute im Westen gingen, um etwas Lärm zu hören. Die Männer konnten monatelang ziehen, ohne mehr als das Heulen des Windes oder eines Kojoten zu hören. Ich bin sicher, ein paar Kracher hätten die Caballeros schon zufriedengestellt. Ihr Leben war langweilig, und die einzigen Krachmacher, die ihnen zur Vefügung standen, waren Pistolen.“ Da wird die unglaubliche Weite des Westens erfahrbar, die darauf wartet, mit Krach und Lärm, Geschichten und Legenden gefüllt zu werden. Wie in Desperado.

In „Buffalo Girls“ wird die Einsamkeit der Helden noch schmerzlicher spürbar, und ihre Geschichten klingen noch etwas verzweifelter: „Es sah ganz so aus, als hätte Calamity kaum etwas anderes getan, als hie und da ein wenig über die Prärie zu ziehen, und das bißchen, was sie an Ruf besaß, gründete auf Erfindung oder auf der Nachsicht einiger freundlicher Männer…auf Whiskey und Leere.“ Die Weite des Westens füllt sich hier weniger mit dem Schall als mit dem Wahn seiner Bewohner, die in den Monaten einsamer Wanderungen verständlicherweise zu etwas wunderlichen Menschen werden.

All diese Sonderlinge lassen sich von Buffalo Bill widerstrebend zur Teilnahme an seiner Tournee überreden, die sie mit dem Schiff nach London führt. Da ist No Ears, der uralte Indianer, den die Erlebnisse auf der Überfahrt am indianischen Weltbild zweifeln lassen. Oder die Schützin Annie Oakley, die einen entsetzten Lord Windhouveren vor den Augen Prinz Edwards beim Tontaubenschießen übertrifft. Oder der Trapper Jim Ragg, der im Londoner Zoo die Biber findet, die aus seiner Heimat längst verschwunden sind. Oder eben Calamity Jane, die bei einer Aufführung zu Ehren der Queen betrunken vom Pferd fällt.

Die Reise der Hinterwäldler aus dem Wilden Westen ins viktorianische London gehört sicher zu den bewegendsten, witzigsten und besten Passagen der neueren amerikanischen Literatur. Gerade in der Figur des alten Sioux macht Larry McMurtry sichtbar, worum es ihm in seinen Romanen immer wieder geht:
„No Ears wunderte sich nun schon etliche Jahre über den fehlenden Scharfblick der Weißen, ohne zu einem endgültigen Schluß gelangt zu sein. Er hegte den Verdacht, daß die Weißen sich einfach nicht ernsthaft für die Wahrheit interessierten. Was sie sehen konnten, genügte ihnen in der Regel, auch wenn es nur die Hälfte von dem war, was es zu sehen gab.“

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