16. November 1993 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 16.11.1993

Rohmaterial der Kunst

Ein Apoll ist er, eine Erscheinung, in der die Natur zu sich gefunden zu haben scheint. Burt Lancaster scheint am Reißbrett für diese Welt entworfen worden zu sein, wenn man nur seinen Mund sieht, der dem Leben das strahlendste Lächeln seit Erfindung der Zahnprothese entgegenhält. Lancaster ist der Körper als Kunstwerk, der Körper wie aus Marmor gehauen, die Züge wie von Cocteau gezeichnet. 1946 wurde er dem Kino geboren, und da wurde schon klar, daß sein Körper auch ein Gefängnis sein würde, in dem das Strahlen des öfteren begraben werden würde. Als scharlachroter Pirat war er die agilste Erscheinung des Kinos, und mit seiner unbändigen Spiellaune rang er sogar die zähen Farben von Technicolor nieder. Später dann rührte er durch seine fürstliche Erscheinung bei Visconti, die vor allem davon zeugte, daß seine natürliche Noblesse keine Folge vornehmer Zurückhaltung, sondern Ergebnis lebenslanger Beweglichkeit war. In Bill Forsyths LOCAL HERO (Pro 7, Mittwoch 12.55 Uhr) sieht man Burt Lancaster als Öl-Magnaten, der im Angesicht der schottischen Landschaft erkennt, daß die Dinge sich ändern müssen, um die gleichen zu bleiben. Wohin es bei ihm führt, wenn diese Erkenntnis ausbleibt, kann man in Stanley Kramers URTEIL VON NÜRNBERG (ARD, Mittwoch 17.10 Uhr) sehen, wo er als Nazi-Richter Janning eine Fühllosigkeit an den Tag legt, der ihn manchmal aussehen läßt, als sei er von ewigem Nachtfrost bedeckt.

Daß es in der amerikanischen Filmgeschichte kaum einen anderen ähnlich kompletten Schauspieler wie Lancaster gab, sieht man an zwei anderen, die jeweils nur bestimmte Aspekte seines Images verkörperten. Da ist auf der einen Seite Errol Flynn, der nicht nur als ROBIN HOOD, KÖNIG DER VAGABUNDEN (ORF 1, Dienstag 10.30 Uhr) das Gauklerhafte, Ausschweifende von Lancaster besaß. Und auf der anderen Seite steht Henry Fonda, dem nicht nur in DER KANDIDAT (ARD, Mittwoch 0.50 Uhr) die aufrechte, unbeugsame Seite Lancasters entsprach.

Einen Helden aus dem wirklichen Leben verpflichtete John Huston für die Verfilmung des Bürgerkriegsromans DIE ROTE TAPFERKEITSMEDAILLE: Audie Murphy war der höchstdekorierte Soldat Amerikas im Zweiten Weltkrieg und brachte es damit sogar zu einer Karriere in Western und Kriegsfilmen. Lilian Ross hat Huston bei der Arbeit zu diesem Film beobachtet und in ihrem Buch ‚Film‘ ein Porträt des Künstlers als jungem Wilden entworfen: ‚Huston ließ sich auf der Armlehne eines Sessels nieder, befestigte eine lange braune Zigarette in einem Mundwinkel, holte aus seiner Hosentasche ein gewöhnliches, billiges Streichholz raus und kratzte den Kopf des Streichholzes mit dem Daumennagel, so daß es aufflammte. Er zündete seine Zigarette an und nahm einige tiefe Züge, während er die Augen gegen den Rauch halb schloß, was sie noch schräger aussehen ließ. Dann stützte er den Ellbogen aufs Knie, hielt die Zigarette mit zwei langen Fingern vor den Mund und sah zum Fenster hinaus. Die Sonne war gerade untergegangen, und das Licht, das in die Suite hochoben im Turm des Waldorf hereinkam, begann einzutrüben. Huston sah aus, als habe er eine charakteristische Huston-Szene aufgebaut und warte jetzt darauf, daß die Kameras zu surren begännen. In seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, in der Auswahl der Menschen und Gegenstände, mit denen er sich umgab, und der Art, wie er sie zu individuellen Einstellungen fügte ( zum Beispiel die Großaufnahme des Daumennagels, der aus dem Kopf des Küchenstreichholzes Feuer kratzt) und schließlich zu einem dramatischen Ablauf arrangierte – in alledem war er ganz einfach das Rohmaterial seiner eigenen Kunst.‘

Rohmaterial seiner eigenen Kunst war auch Rainer Werner Fassbinder, der 1973 mit ANGST ESSEN SEELE AUF (3sat, Mittwoch 22.30 Uhr) in Cannes Furore machte. Im Anschluß an diesen Film läuft noch ein Porträt des Regisseurs von Hans Günther Pflaum, dessen Titel alles sagt: ICH WILL DOCH NUR, DASS IHR MICH LIEBT.

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