13. Januar 1997 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Airframe

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Michael Crichtons wunderbare Welt der Schwerkraft

Bücher, die man in einer Nacht liest, können nicht ganz schlecht sein. Ein gutes Buch ist Michael Crichtons neuer Roman Airframe (Karl Blessing Verlag. Aus dem Englischen von Klaus Berr. 448 Seiten, 45 Mark.) dennoch nicht. Ein brillanter Autor bleibt Crichton aber trotzdem. Was er kann, macht ihm keiner so schnell nach.

Zum Beispiel, einen Roman über Flugzeugunglücke zu schreiben, in dem ein Flugzeug auf dem Weg von Hongkong nach Denver so stark durchgeschüttelt wird, daß drei Menschen sterben und 58 weitere verletzt werden, um dann 400 Seiten lang die penible technische Untersuchung zu schildern, ohne je zu langweilen. Und all das nur, um jenen Satz zu belegen, den er dem Buch vorangestellt hat: „Die Ironie des Informationszeitalters besteht darin, daß es die uniformierte Meinung gesellschaftsfähig gemacht hat.“

Crichton besitzt ein unglaubliches Talent, komplexe Zusammenhänge so einfach wie möglich darzustellen. Das ist womöglich das Gegenteil von dem, was wir von ernsterer Literatur erwarten, aber deswegen nicht geringzuschätzen. Nach der Lektüre seiner Romane ist man immer klüger als vorher. Natürlich ist das keine Herzensbildung, die den Leser da erwartet, aber deswegen sind diese Romane noch lange keine Handbücher unnützen Wissens. Sie verleihen noch der schwerfälligsten Materie Flügel.

Schaltkreis der Hölle

Walter Benjamin hätte das ein aufs praktische Interesse ausgerichtetes Erzählen genannt. Und auch wenn er das auf jene Geschichten bezog, welche Reisende einst aus fernen Ländern mitbrachten, so trifft das auf Crichton insofern zu, als seine Reisen in die einzig entlegenen Gegenden unserer voll erschlossenen Welt führen: in die Schaltkreise der Mikroelektronik, die Baupläne der Gentechnik oder die Gesetze der Aerodynamik. Er unternimmt immer wieder Expeditionen in jene Umgebungen, die uns zur zweiten Natur geworden sind und an deren Funktionsweise wir in der Regel keinen Gedanken verschwenden würden.

So entdeckt er Schönheit, wo sie keiner vermuten würde: auf den Seziertischen der Wissenschaft, in den Fertigungshallen der Industrie, in der Organisation von Konzernen. Es gibt Leute, die öffnen Motorhauben und bewundern die Schönheit von Motoren – Crichton schafft es, jeden Leser für solche Genüsse empfänglich zu machen. Eine eigenartig zeitgemäße Ästhetik ist da am Werk, die sich berauscht am Ineinandergreifen von Elementen, an der Präzision von Instrumenten, am Funktionieren von Systemen. In Airframe sind es Flugzeuge, an denen sich der Erzähler berauscht: „Ein Pontiac hat 5000 Teile, und man kann einen in zwei Schichten bauen. 16 Stunden. Das ist gar nichts. Aber diese Dinger da, sind etwas ganz anderes. Der Großraumjet hat eine Million Teile und eine Produktionszeit von 75 Tagen. Kein anderes industrielles Produkt auf der Welt ist so kompliziert wie ein Passagierflugzeug.“ Diese Fähigkeit, das in einem besonderen Licht erscheinen zu lassen, wiegt mindestens so schwer, wenn es um den Erfolg seiner Bücher geht, wie seine manchmal eher schematische Art, für Spannung zu sorgen.

Der Erzähler wirkt oft wie ein Junge, der alles und jedes auseinandernimmt, um zu sehen, wie es funktioniert. So lange forscht er herum, bis ihm alles in Ursache und Wirkung zerfällt und durchschaubar wird. Und beim Sezieren eines Frosches stellt er dann erschrocken fest, daß es bei Lebewesen nicht ganz so einfach ist. An Charaktere wagt er sich deshalb nur so weit heran, wie sie sich in action auflösen lassen. Als hätte er für das, was man Seele nennt, die Gebrauchsanleitung gefunden.

Aber Crichton hat auch ein Buch über den Maler Jasper Johns geschrieben, das vor allem deshalb überzeugt, weil er sich der Kunst mit derselben unbefangenen Neugier nähert, mit der er auch an handfestere Themen herangeht. Und es gibt eine faszinierende Autobiographie namens Travels (auf deutsch gekürzt unter dem Titel „Im Kreis der Welt“ bei rororo erschienen), in der Crichton nicht nur die Welt bereist, sondern auch jene Sphären, die sich der Schwerkraft entziehen. All seinen esoterischen Trips zur Selbsterfahrung ist nicht nur ein sehr pragmatischer Zugang zueigen, sondern vor allem eine erzählerische Lust, der noch die jenseitigste Erfahrung zur Anedkdote gerinnt.

Michael Crichton ist also beileibe kein Technokrat. Zu groß ist das Vergnügen, mit dem er beschreibt, wie sich Fehler ins System einschleichen, zu gnadenlos die Konsequenz, mit der noch der perfekteste Plan aus dem Ruder läuft. Nicht zufällig ist eine der Figuren in Dino Park ein Chaostheoretiker, der das Unheil ahnt, weil es in der Natur der Dinge liegt. Natürlich spielt das sogenannte menschliche Versagen immer wieder eine Rolle, und es ist sicher ein Tribut an die Gesetze des Genres, daß es immer häufiger die Gier von Bösewichtern ist, die alles zum Einsturz bringt.

Und vielleicht gehört es auch zu den Gesetzen des Marktes, daß sich immer häufiger patriotische Töne ins Erzählen einmischen. Wer zehn Millionen Dollar allein für die Filmrechte an seinem neuen Buch bekommt, der wird nicht unbedingt am amerikanischen Traum zweifeln, sondern eher versuchen, ihn um jeden Preis am Leben zu halten. So liest sich Airframe wie schon Rising Sun auch als Loblied auf die langweiligsten Tugenden Amerikas, die jedoch von innen korrumpiert und von außen bedroht werden. Wenn man so will, lautet auch hier die Moral: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Mit manchen komplexen Dingen macht es sich Crichton vielleicht doch zu einfach. Da wird der neugierige kleine Junge zum Musterschüler und Streber.

So ziehen wir vor allem eine Lehre aus diesem Buch: Den ganzen Flug angeschnallt bleiben, auch wenn das Zeichen erloschen ist.

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