28. Februar 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | WR – Mysterien des Organismus

Das Phantom der Freiheit

Dusan Makavejews WR - MYSTERIEN DES ORGANISMUS wieder im Kino

Die fröhliche Leidenschaft: gesellschaftlicher und geschlechtlicher Verkehr sind eins. Vor der freien Liebe, sagt Makavejew, hat die Weltrevolution versagt. Also trieb er sich 1971 in den Wirren der sexuellen Revolution herum und nahm von den Schlachtfeldern mit, was er brauchen konnte. Daraus entstand eine Collage, die munter stalinistische Idolatrie und nazistische Euthanasie, amerikanischen Imperialismus und erotischen Libertinismus gegeneinander montierte. Dafür wurde er in Jugoslawien aus der Partei ausgeschlossen. Die Verlagerung der Revolution unter die Gürtellinie war den Genossen zu subversiv. Auf Festivals hatte er damit Erfolg. Aber mit seinem nächsten Film SWEET MOVIE war auch das vorbei.

Der fortwährende Bauchtanz erotischer und revolutionärer Klischees wurde der Kritik zuviel. Wolfgang Limmer schrieb damals in dieser Zeitung: „Ein einziger Augenaufschlag von Rita Hayworth hat mehr Erotik als diese ganze Mißgeburt aus verklemmter Raserei und Langeweile.“ Seither konnte Makavejew nur noch zwei Filme drehen: DIE BALLADE VON LUCY JORDAN und COCA COLA KID.

WR, das steht für den Freud-Schüler und frühen Sexualwissenschaftler Wilhelm Reich. Aber der war schon damals nicht mehr als ein MacGuffin, ein Aufhänger. Wichtiger war die befreite Lust, mit der die Konventionen zerschlagen wurden. So taugt der Film aller Antiquiertheit zum Trotz heutzutage schon wieder als amüsanter Kommentar zur Gegenwart. Nach dem Bankrott der kommunistischen wie der sexuellen Revolution wirkt Makavejews Film wie ein utopischer Entwurf. Nachdem die apolitische Reaktion der achtziger Jahre aus heiterem Himmel mit den größten politischen Veränderungen seit Kriegsende beschenkt wurde und nachdem die sexuelle Befreiung im Zeitalter von Aids in ästhetischer Autoerotik verpufft, seither erscheinen die siebziger Jahre wieder in einem anderen Licht: artikuliert, emanzipiert, aufgeklärt. Der Film nimmt nichts als gegeben, insofern steht er in entschiedener Opposition zur heutigen Zeit. So altbacken sein therapeutisches, erotisches und revolutionäres Pathos uns auch erscheinen mag. Die Kinder von Marx und Coca Cola täten gut daran, sich an diese Vergangenheit zu erinnern.

(Der Film läuft in Münchner Wiederauf¬führung in der Lupe 2, täglich um 21 Uhr.)

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