18. Februar 1994 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Wittgenstein & Blue

WiITTGENSTEIN & BLUE von Derek Jarman

Gelbe Linien, blaue Sterne

„Schau auf das Blau des Himmels, und sag zu dir selbst Wie blau der Himmel ist!“ So schreibt Ludwig Wittgenstein unter der Nummer 275 in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ – und fährt im nächsten Abschnitt fort: „Aber meinen wir denn nicht wenigstens etwas ganz Bestimmtes, wenn wir auf eine Farbe hinschauen und den Farbeindruck benennen? Es ist doch förmlich, als lösten wir den Farbeindruck, wie ein Häutchen, von dem gesehenen Gegenstand ab. (Dies sollte unseren Verdacht erregen.)“ Man könnte es auch wie Baudelaire ausdrücken: „Es scheint, daß die Farbe aus sich selbst denkt, unabhängig von den Gegenständen, die sie bekleidet.“

Um Farben geht es in beiden Filmen: Grün und Rot und Gelb vor schwarzem Hintergrund im einen, Blau in Blau im anderen. Jarman geht damit zurück zu den Anfängen des Farbfilms, als die Farben noch ihr Eigenleben besaßen, ehe sie von ihren Trägern aufgesogen wurden. Als Farbe noch Luxus und Spezerei war und sich wie ein Häutchen vom Gesehenen ablösen zu lassen schien. Diese Körperlichkeit der Farbe ist um so mehr Gegenstand dieser Filme, als Jarman seit über sechs Jahren gegen eine Krankheit kämpft, die seinen Körper zerfrißt, gegen Aids.

Derek Jarman hat WITTGENSTEIN 1992 in zwei Wochen für weniger als eine Million Mark gedreht. Das Projekt geht zurück auf den Auftrag des britischen Senders Channel 4 für den Produzenten Tariq Ali, vier Sendungen à 52 Minuten über vier Philosophen zu drehen: Sokrates, Spinoza, Locke und Wittgenstein, über den der Marxist Terry Eagleton ein Drehbuch geschrieben hatte. Ali dachte gleich an Jarman, der seit Jahren einen Film machen wollte mit dem Titel LOONY LUDWIG IN THE GREEN VALLEYS F SILLINESS. Durch Unterstützung des British Film Institute konnte auf Film gedreht und die Länge auf 78 Minuten ausgedehnt werden. WITTGENSTEIN ist also eine Auftragsarbeit, aber vor allem eine Herzensangelegenheit.

BLUE ist mehr als das. Es ist Traumprojekt und vielleicht auch Testament, in jedem Fall ein Film, in dem es um Leben und Tod geht. Zusammen mit dem Komponisten Simon Fisher Turner hatte Jarman schon einige „Blue Concerts“ inszeniert, aber an einen Film war nicht zu denken. Als er anfing, ein Tagebuch zu führen, in dem er seine langsame Erblindung und die täglichen Krankenhausbesuche festhielt, beschloß er, daraus seinen Film BLUE zu machen. Mit Hilfe des Produzenten James Mackay trieb er eine halbe Million Mark auf und verwirklichte 1993 über den Alptraum seiner Krankheit den Traum seines Lebens: einen Film ganz in Blau. 71 Minuten lang nichts als Blau. Und Töne: Geräusche, Sprache, Musik.

Vor BLUE verblaßt WITTGENSTEIN geradezu. Die Radikalität der Monochromie hat etwas Bezwingendes. Mehr als in irgendeinem anderen Film wird in BLUE bewußt, daß das, was man sieht, erst im Kopf des Zuschauers zum Film wird. Daß keiner dieser Filme, die dabei entstehen, dem anderen gleicht. Daß keiner, der BLUE sieht, dasselbe Blau sieht. Oder, um es mit Wittgenstein zu sagen: „Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern daß keiner weiß, ob der andere auch dies hat, oder etwas anderes.“ BLUE ist also noch näher an Wittgenstein, dem Philosophen, als WITTGENSTEIN, der Film. Wer es nicht glauben will, der muß es sehen.

WITTGENSTEIN spielt auf einer vollständig schwarzen Bühne. „Das Schwarz“, sagt Jarman, „bewirkt Annullierung des Dekorativen und Konzentration, da scheinen meine Figuren auf darin wie rote Zwerge – und grüne Riesen. Gelbe Linien und blaue Sterne.“ Immer wieder erzählen die Farben ihre eigene Geschichte, während mit minimalen Mitteln Wittgensteins Biographie angedeutet wird: Das Wiener Elternhaus ist eine Menschengruppe um einen Flügel, der Erste Weltkrieg ein Lichtgewitter, die Einsamkeit in Norwegen eine im Wind flackernde Lampe, Cambridge besteht aus Bertrand Russell (Michael Gough), Maynard Keynes (John Quentin), Lady Ottoline Morrell (Tilda Swinton) und dem Liebhaber Johnny (Kevin Collins). Wie bunte Paradiesvögel schweben sie alle durch Wittgensteins Welt, ohne darin je wirklich Fuß fassen zu können. So erzählt der Film die Geschichte von Einsamkeit und Sehnsucht – und also auch Zärtlichkeit. Wie BLUE.

Wittgenstein, mit dem der Schauspieler Karl Johnson wirklich eine verblüffende Ähnlichkeit hat, ist ständig vergeblich bemüht, zu verstehen und sich verständlich zu machen. Dem vielstimmigen Gebrabbel, dem er als Kind ausgesetzt ist, entflieht er in die eiskalte Welt der Logik „Ich möchte vollkommen sein“, sagt er zu Lady Ottoline, „Sie nicht?“ Und sie antwortet voll zweideutigem Entsetzen: „Um Gottes willen – nein!“ Vielleicht liegt da die Brücke zu BLUE dem vollkommenen Film, der alles und nichts zugleich ist.

BLUE ist wie Wittgensteins „Tractatus“ reinste Poesie. Ein Wechselspiel von vier Stimmen, die im Original John Quentin, Nigel Terry, Tilda Swinton und Derek Jarman, in der deutschen Fassung Ulrich Matthes, Sylvester Groth, Eva Mattes und Wolfgang Condrus gehören. Ihr Text springt zwischen erschreckenden Banalitäten wie den 47 Nebenwirkungen, die der Beipackzettel seines Medikaments nennt, und jenem hochtönenden Gesang, der sich in Jarmans ganzem Werk vernehmen läßt, hin und her. Und außerdem gibt es im langsamen Schwinden des Blickfeldes die verzweifelte Bitte, vom Bilde erlöst zu werden. Das ist es, was in diesem Film passiert: Von dem Moment an, wo das grelle Licht der Augenuntersuchung das Blau eines leeren Himmels als Nachempfindung hinterläßt, löst sich die Welt langsam darin auf, erlöst den Erblindenden nach und nach vom Fluch der Bilder.

Das monochrome Blau erinnert natürlich an den französischen Maler Yves Klein, der sich wiederum auf den strahlenden Himmel über Nizza bezog. Auch bei Jarman meint man ins südliche Licht zu blicken, das schon in seinen frühen Filmen eine Rolle spielte. Sein Blau ist kein Echo auf den Blues seiner Texte, es wirkt eher befreiend. Ein Durchatmen, ein Windzug, ein Lächeln. „Wer den Film sieht“, sagt Jarman, „erkennt, daß Rot und Gelb nicht funktionieren würden. Gelb ist die wahre Farbe der Krankheit. Und Rot ist zu aufwühlend und schwierig. Blau trägt Hoffnung in sich, immer. Es wird nie zu rührselig.“

Es ist der Tod, heißt es in WITGENSTEIN, der dem Leben Form und Bedeutung verleiht. Ob Ultramarin, Kobalt oder Azur, er ist einfach blau. Blau wie der Rittersporn, der mit dem letzten Satz des Films auf ein Grab gelegt werden soll. Derek Jarman stirbt. Dazu noch einmal Ludwig Wittgenstein: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.“ Derek Jarman lebt.

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