16. Februar 1994 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | In einer kleinen Stadt

Der Teufel im System

Max von Sydow spielt IN EINER KLEINEN STADT

Max von Sydow ist ein Mann, dem die Gefühle in den Knochen sitzen. Er muß gar nicht erst ein satanisches Gesicht aufsetzen, um wie der Teufel selbst zu wirken. Der steckt bei ihm ohnehin im Detail: ein unmerkliches Versteifen des Rückgrats, ein bedrohliches Neigen des Kopfes, ein unscheinbares Verengen der Augen. Sydow ist also das Zentrum des Films, ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.

Stephen King ist ein Mann, dem der Schrecken in den Knochen steckt. Hinter der beschaulichen Oberfläche seiner neuenglischen Szenerien wütet das Grauen mit einer Zwanghaftigkeit, die alle Illusionen zerstört. Die dunkle Seite der Menschen (oder Dinge) entwickelt ein Eigenleben, gegen das kein Kraut gewachsen ist. Gelähmt oder gefesselt sehen die Helden, wie ihre schlimmsten Alpträume wahr werden. Er greift Amerika dort an, wo es am verwundbarsten ist – bei der Selbstgefälligkeit.

Stephen King will zweifellos das Böse, das Gute schafft er dabei nicht immer. Die meisten Verfilmungen seiner Bücher haben ihn buchstabengetreu kopiert und dabei das Wesentliche aus den Augen verloren. Daß seine Qualitäten eher im Atmosphärischen liegen, sieht man dabei schon am Umfang seiner Romane. Was die Plots an Mechanik beisteuern, genügt selten, um die regelmäßig faszinierenden Grundideen weiterzuentwickeln. Zumeist verlassen sich die Filme aber genau darauf.

Gut dreißig von Kings Geschichten und Romanen sind bereits adaptiert worden, von Kubrick bis De Palma, von Carpenter bis Romero. Bob Reiner hat STAND BY ME und MISERY verfilmt und hatte dabei mehr Gespür fürs Kino bewiesen als die meisten anderen. Diesmal hat seine Firma Castle Rock Entertainment, die ihren Namen von Kings Schauplatz hat, den Film produziert und als Regisseur Charlton Hestons Sohn Fraser verpflichtet. Der reiht sich in die Kette der eher buchstabengetreuen Verfilmungen ein.

Am Anfang tanzt das Herbstlaub, und Neuengland sieht wieder mal so aus, als sei es ein Teil von jener Kraft, die nur das Gute will und es auch schafft. Der Sheriff (Ed Harris) macht der Cafébesitzerin (Bonnie Bedelia) einen Antrag, und auch sonst scheinen sich alle gern zu haben. Und als im Ort ein Antiquitätenladen aufmacht, ist man dem Fremden gegenüber zwar skeptisch, aber verliert schnell die Scheu, als sich der Besitzer (Sydow) als freundlicher Mann entpuppt. Die Idylle strahlt also, aber darunter tobt schon der Verfall.

‚Grüß Gott‘, sagt das Dorf. ‚Warum nicht‘, antwortet der alte Mann. Er macht erst einmal Geschenke, die keiner ablehnen kann: eine lang gesuchte Baseball- Sammelkarte, ein altes mechanisches Pferderennspiel oder eine erotische Plastik für den Pfarrer. Als Gegenleistung verlangt er nur kleine Gefälligkeiten. So schafft er ein Netz von Schuld und Verpflichtung, das sich langsam über die Stadt legt und sie erstickt. Bis hierher versteht der Film geschickt das Interesse zu wecken, aber wenn die Situation eskaliert, dann bleibt nur noch Mechanik.

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