01. Juli 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Wie spät ist es?

Väter und Söhnev

Ettore Scolas Film WIE SPÄT IST ES?

Zwei Männer beim Spaziergang, beim Essen, beim Zusammensein: Die beiden haben kaum wirklich etwas miteinander zu reden. Und wenn sie reden, dann verstehen sie sich nur selten. Zwei Männer also, die nichts verbindet – außer daß sie zufällig Vater und Sohn sind. Einen Tag lang verfolgt der Film die beiden, einen Tag lang sucht er nach einem größten gemeinsamen Nenner. Am Ende reduziert sich die Gemeinsamkeit auf die Frage: „Wie spät ist es?“

Da zieht der Sohn die schöne große Taschenuhr des Großvaters aus der Tasche und antwortet, einmal, mehrmals, immer wieder. Er hat sie an diesem Tag vom Vater geschenkt bekommen und sich dabei erinnert an dieses Spiel vom Fragen, das ihn mit dem Großvater verbunden hat. Da sitzen die beiden, Vater und Sohn, und reichen sich nach endlosen Streitereien mit dieser Frage die Hand. Sie spielen Fremde, um ihre Fremdheit zu überspielen. Was die beiden dabei dennoch verbindet: Daß keiner außer ihnen die Antwort auf diese Frage kennt.

WIE SPÄT IST ES? ist eine Geschichte, die nur sie allein kennen, ihre Geschichte.

Ein versöhnlicher Film, der nicht auf Versöhnung aus ist. Weder sind die Konflikte, die zwischen Vater und Sohn aufbrechen, aus der Welt zu schaffen, noch läßt sich die Fremdheit, die sie erfahren, an einem Tag überbrücken. Es bleibt bei dem Versuch, eine Sprache zu suchen für Erfahrungen, die sie nicht mehr gemeinsam haben, einen Schlüssel zu finden für das Leben des anderen, das sie nicht mehr kennen. Der Vater kommt aus Rom für einen Tag nach Civitavecchia; wo der Sohn stationiert ist. Mit sich bringt er sehr genaue Vorstellungen von der Zukunft des Sohnes und muß aber feststellen, daß er mit dessen Leben und Träumen nur noch die Vergangenheit gemeinsam hat. Aber auch im Scheitern erfüllt dieser Tag zu zweit seinen Zweck: Ungesagtes wird ausgesprochen, Ungeklärtes wird auf den Punkt gebracht. So wird immerhin die Beziehung von falschen Versprechnungen und überzogenen Hoffnungen befreit. Es wird mit der Vergangenheit abgerechnet, um aus dieser Zeit wenigstens zu retten, was zu retten ist – und sei es nur diese eine Frage: „Wie spät ist es?“

CHE ORA È? ist ein Film, der ganz und gar von Gesten und Tonfall lebt, von gesenkten Blicken und verschluckten Worten. Marcello Mastroianni und Massimo Truisi sind für ihre schauspielerische Leistung letztes Jahr in Venedig gemeinsam ausgezeichnet worden. Schon im Jahr zuvor haben sie zusammen mit Scola gearbeitet, in SPLENDOR, der eine ähnliche Geschichte wie CINEMA PARADISO erzählt (und der in München immer noch nicht zu sehen war). Daß die drei ein eingespieltes Team sind, merkt man. Es gibt in diesem Film eine große Ruhe und Sicherheit im Spiel, bei dem keine Anstrengungen und Beschränkungen sichtbar werden und das dadurch auch mal wagen kann, in der Zeichnung der Figuren zu weit zu gehen. So entsteht ein großer Spielraum für das Duett, den Scola nie durch übermäßige stilistische Strenge begrenzt. Da kann sich dann die melancholische Komödie durchaus auch mal zur traurigen Groteske wandeln, ohne dadurch gleich die Blickrichtung ändern zu müssen.

Wenn also der Vater die Freundin seines Sohnes (Anne Parillaud) fragt, wie dieser im Bett sei, dann wirkt das zwar wie eine unnötig drastische Überzeichnung der Figur, führt aber deswegen noch lange nicht zu einer Veränderung des Tonfalls. Scola interessiert sich mehr für den Rhythmus dieses Wechselspiels, für die kleinen Bewegungen, die aus der großen Verlegenheit entstehen, für das vorsichtige Abta-sten und die ungestümen Vorstöße, für das stete Vor und Zurück zwischen Vater und Sohn. Und das Schönste in dieser Mischung aus Ungewißheit und Selbstsicherheit, Trotz und Beklemmtheit, ist die Art, wie Truisi beim Essen mit dem Messer auf dem Tischtuch zeichnet, wenn er nicht weiß, wohin mit seinem Blick, seinen Händen und seinen Gefühlen. Die deutsche Synchronisation mit den angenehmen Stimmen von Wolfgang Hess und Joachim Tennstedt ist zwar gut gelungen, kann aber auch nicht über dieses Mißverhältnis von deutschem Sprechen und italienischer Körpersprache hinwegtäuschen. Immerhin paßt das hier ganz gut, dieses Auseinanderklaffen von dem, was einer sagt, und dem, was man sieht.

Scolas Film lebt von der Verletzlichkeit, die es nur innerhalb der Familie gibt, von diesem Paradox, daß zwei, die eine gemeinsame Vergangenheit haben, sich nicht kennen. Zwei Fremde erschrecken plötzlich über der Tatsache, daß sie fremd sind. Diesen Moment trifft Scola sehr genau. Es ist wie in dem neuen Film von Alan Rudolph, wo einer Kinder bezeichnet als „kleine Leute, die mit deinem Gesicht rumlaufen“.

(In München im Eldorado, ABC und Isabella.)

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