01. Juli 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Kill Me Again

Tote auf Urlaub

John Dahls Film KILL ME AGAIN

Der Film spielt in Nevada, in Reno und Las Vegas. Aber für keinen gibt es hier was zu gewinnen. Einer gewinnt immerhin sein Leben zurück, das ihm nach dem Tod seiner Frau nichts mehr bedeutet hat. Aber auch dafür muß er teuer bezahlen. Die Frau, mit der er ein neues Leben beginnen wollte, wird ihn verraten. Das ist ein hoher Preis für jemanden, der von Anfang an am Ende war.

Schwarze Geschichten von lebensmüden Helden und skrupellosen Frauen erzählt das Kino nicht mehr häufig. Was heute oft Film Noir genannt wird, hat damit selten mehr gemein als die Schatten von Jalousien und die Nässe des Asphalts. Bei KILL ME AGAIN gehen die Gemeinsamkeiten weiter, was auch daran liegt, daß sich der Film ganz unverhohlen als Hommage versteht. Zur Einstimmung haben Regisseur John R. Dahl und sein Koautor David W. Warfield dem Team vor den Dreharbeiten ein dreistündiges Band mit ihren Lieblingsszenen aus Filmen der schwarzen Serie vorgeführt, Dahl, der vorher für die Storyboards von ROBOCOP, Di’E SCHWARZE WITWE und GEFÄHRLICHE FREUNDIN verantwortlich war, hat auch bei seiner ersten Regiearbeit alles in Skizzen vorweg festgelegt.

Manchmal wirkt sein Film etwas unbeweglich, zu wenig neugierig auf die Umgebung seiner Geschichte, Jack Andrews (Val Kilmer) ist Detektiv. Bei einem selbstverschuldeten Autounfall hat er seine Frau verloren. Auf ihrem Grabstein hat er seinen Namen auch schon anbringen lassen, nur mit Geburtsdatum versehen. Jack Andrews ist ein Toter auf Urlaub – bis eine Frau in sein Büro kommt und ihn bittet, sie umzubringen. Jack soll einen vorgetäuschten Mord inszenieren, um ihre Verfolger zu täuschen. Die Geschichte, die sie ihm dazu auftischt, stimmt genausowenig wie alle weiteren. Aber Jack fällt darauf herein, die Frau ist es wert.

Joanne Whalley-Kilmer, die es schon in SCANDAL verstand, ihre Abgründe hinter ihrer stark konturierten Schönheit zu verbergen, gelingt es auch hier, selbst dort noch unergründlich zu wirken, wo ihre Absichten ganz klar sind. Ihre Mandelaugen und der spöttisch geschwungene Mund verleihen dem Gesicht eine natürliche Plakativität, mit der sie schon vor vier¬zig Jahren beim Film Noir gelandet wäre. Gene Tierney und Jane Greer haben das besessen, diesen giftigen Sex, der zur gleichen Zeit exotisch und billig wirkt Femme fatale hat durch das Französische einen falschen Klang, der darüber hinwegtäuscht, daß der Ausdruck auch das billige Flittchen mit einschließt, das um jeden Preis auf die Sonnenseite des Lebens will. Joanne Whalley-Kilmer besitzt diese Ausstrahlung wie außer ihr momentan nur Kathleen Turner. Ihr Mann Val Kilmer, den sie bei den Dreharbeiten zu Willow kennengelernt hat, verblaßt neben ihr. Er wirkt wie eine Kopie von Jeff Bridges, der die Idealbesetzung für diese Rolle gewe¬sen wäre. Der hätte Mitchum das Wasser reichen können.

OUT OF THE FAST spielt am Lake Tahoe in der Nähe von Reno, Kill Me Again an der Echo Bay bei Vegas. Nichts ist zufällig in diesem Film. So wie die Szenen an der Bay ein Echo sind auf Jacks frühere Träume, so ist der Film ein Nachhall auf die Filme der schwarzen Serie. Daß das zu Verschiebungen und Überlagerungen führt, hegt auf der Hand. Aber wie die Kamera von Jacques Steyn mit dem falschen Glitzer der Kasinostädte und dem gleißenden Schein der Wüstenlandschaften umgeht, erinnert oft an das schattige Licht schwarzweißer Filme. Manchmal gibt der Film seine Geheimnisse zu früh preis, aber alles in allem ist er eine schöne Improvisation auf den Song „Smoke Gets in Your Eyes“: „They asked me how I knew, that my true love was true. I of course replied: something deep inside cannot be denied. They said: Someday you’ll find, all who love are blind.“

(In München im Broadway.)

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