19. August 1988 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Die vergessene Insel (2)

DIE VERGESSENE INSEL von James Dearden

Eine Marionette hat den Faden verloren. Der türkische Spion Basil Pascali weiß nicht mehr weiter. Seine Berichte an den Sultan bleiben seit Jähren unbeantwortet. Vielleicht ist der zuständige Beamte schon tot, und vermutlich hat die Verwaltung den Überblick über ihre Informanten und Spione längst verloren. Die Augen des Sultans sind 1908 noch überall, aber sehen können sie nichts mehr: Ein Heer von blinden Augen, das in keinem Kopf zu Hause ist, eine Armee im Schatten des niedergehenden Osmanischen Reiches. Die Vision von der Welt in der Welt erinnert an Jules Verne, und der deutsche Titel paßt dazu. Es existieren Höhlen im Sichtbaren, in denen die Utopien und Alpträume nisten. Und die Kartographen des Kinos sind dabei, dieses Traumnetz zu vermessen. Die untergründigen Phantasien begleiten den Film dennoch eher beiläufig. Denn das Tiefgründige liegt James Dearden eigentlich näher, der christliche Beigeschmack dieser Geschichte um Freundschaft, Erlösung und Verrat wiegt schwerer. Pascali (Beri Kingsley) erliegt der fatalen Anziehung eines mysteriösen britischen Archäologen (Charles Dance) und gerät in eine Zwickmühle der Interessen; und mit ihm der Regisseur, dem seine Oskar Nominierung für das Drehbuch zu FATAL ATTRACTION hier die erste größere eigene Arbeit ermöglichte. Zwischen religiöser Überhöhung und realistischer Entsprechung pendeln die Bilder, ohne sich einer der beiden Methoden verschreiben zu wollen. Die Geschichte entwickelt zwar am Ende genügend Kraft, sich über die Unentschiedenheit hinwegzusetzen, aber an den Bildern bleibt keine Imagination haften. Dearden ist ein starker Autor und ein schwacher Regisseur.

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