17. April 1992 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Trust

TRUST von Hal Hartley

Liebe aus dem Katalog

Lindenhurst, Long Island: eine Gesellschaft, die auf sichere Distanz zu Manhattan gegangen ist, eine Welt der sanften Katastrophen und brutalen Neurosen. Selbst die kleinen Fluchten haben hier das gleiche Ziel: Die lange Kundenschlange vor der Fernsehwerkstatt zeugt genauso davon wie die endlosen Wagenreihen vor dem Schnellbahnhof, die alle einen Aufkleber desselben Ferienortes auf der Stoßstange tragen, Ein Leben also wie im Versandhauskatalog. Aber manchmal findet man auch dort das Glück.

Hal Hartley kommt aus einem Ort wie diesem. Und er legt Wert auf die Feststellung, daß es ihm nicht um eine Kritik daran gehe; die Leute würden eben so leben. Tatsächlich dient die Suburbia bei Hartley vor allem dazu, den Figuren und ihren Gefühlen schärfere Konturen zu verleihen. Gerade die Kluft zwischen den großen Gesten der Helden und dem Kleinmut ihrer Umgebung läßt den Emotionen einen Spielraum, in dem sie sich frei entfalten können. Dabei ist Hartley nicht auf Theatralik aus, sondern beinahe auf eine Ungerührtheit des Ausdrucks, die die Maßlosigkeit der Gefühle noch deutlicher hervortreten läßt. So wird aus der Liebe eine Tollkühnheit.

Noch ehe der Vorspann vorbei ist, wird ein Mann vom Schlag getroffen. Seine Tochter Maria (Adrienne Shelly) hatte ihm zuvor eröffnet, daß sie erstens die Schule abgebrochen hat und zweitens schwanger ist. Ihre Mutter macht sie deshalb für den Tod des Vaters verantwortlich und setzt Maria vor die Tür. Ihr Freund, den sie nach dem Football in der Schule abpaßt, will auf die Nachricht von der Schwangerschaft hin auch nichts mehr von ihr wissen. Der Film hat noch kaum begonnen, da sind die Fronten schon geklärt: Das Melodram wird im Zeitraffer in Gang gesetzt.

In einer Elektronikfirma wirft zur gleichen Zeit Matthew (Martin Donovan) seinen Job hin, weil er es satt hat, wertlose Geräte zu reparieren und von seinem Abteilungsleiter ständig zurechtgewiesen zu werden. Zu Hause erwartet ihn ein tyrannischer Vater, der seinen Sauberkeitswahn am Sohn ausläßt. Mehrfach muß er das Bad putzen, obwohl es längst blitzblank glänzt. Matthew hört Beethovens „Fünfte“ und klammert sich an die Handgranate, die er für den Ernstfall immer bei sich trägt: So nimmt ein anderes Drama in Zeitlupe seinen Lauf.

TRUST ist wie Hartleys Erstling THE UNBELIEVABLE TRUTH (VERDACHT AUF LIEBE) ein wunderlicher Film, zärtlich und traurig zugleich. Die Menschen bewegen sich wie in einem Traum, der ebensooft banal wie surreal wirkt. Dabei sind sie Kräften ausgesetzt, de sie sowenig orten wie beherrschen können. Und mit ihnen wandelt Hai Hartley mit der Sicherheit eines Träumers auf dem schmalen Grat zwischen Überzeichnung und Untertreibung, Groteske und Romanze, Natürlichkeit und Stilisierung. Der Regisseur, der so lang, still und linkisch wie sein Held wirkt, behauptet, er habe seit seiner Volljährigkeit weder Zeitungen gelesen noch ferngesehen: Man würde auch so mitbekommen, was in der Welt geschieht. Es könnte gut sein, daß diese Eigenart auch die Atmosphäre seiner Filme beeinflußt hat: dieses bestimmte Gefühl der Zeitlosigkeit oder jene seltene Klarheit der Bilder, bei denen sein Kameramann Michael Spiller zwischen Strenge und Verspieltheit die Waage hält.

Die Wege der beiden verlorenen Seelen kreuzen sich in einem abbruchreifen Haus. Sie finden zueinander, weil sie im anderen nichts suchen. Aber die Liebe ist keine Lösung bei Hartley. Und so geht die Geschichte weiter, wo andere aufhören. Die beiden beschließen, das Kind zu behalten. Maria ergibt sich dem Zorn ihrer Mutter, zieht zurück nach Hause und geht wieder zur Schule; Matthew kriecht bei seiner Vorgesetzten zu Kreuze und nimmt seine Arbeit in der Fabrik wieder auf. Das ist das Glück aus dem Versandhauskatalog. Das kann es nicht gewesen sein. Dafür hat sich Maria nicht unangekündigt rückwärts von einer Mauer fallen lassen und dem entsetzten Matthew, der sie gerade noch im letzten Augenblick auffangen konnte, verkündet, das sei der Beweis, daß sie ihm vertraue.

TRUST erzählt davon, wie zwei Leute versuchen, sich ihrer selbst zu vergewissern, und wie sie ihre Geschichten suchen müssen, ehe sie an eine gemeinsame Geschichte denken können. Und es könnte gut sein, daß ihnen der Tod dabei zuvorkommt. Aber in einem Film, in dem Mädchen die Brille aufsetzen, bevor sie geküßt werden, ist schließlich alles möglich.

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