24. April 1992 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Filmtips 24.04.1992

Wenn ich einen Film drehe, schrieb Jean Cocteau, ist das wie Schlaf: ‚Nichts zählt außer den Menschen und Landschaften des Traums.‘ Die schönsten Filme sind in der Tat wie Schlaf. Nichts anderes zählt mehr.

Der Tod des Künstlers

Am Dienstag und Mittwoch läuft in der Lupe um 18.15 Uhr ORPHÉE von Cocteau, ein Film mit den einfachsten und schönsten Spezialeffekten der Filmgeschichte. Nochmal der Regisseur: ‚Alle Künste können und müssen warten. Sie warten sogar auf den Tod des Künstlers , um zu leben. Nur die absurden Summen, die der Kinematograph kostet, verlangen nach einem sofortigen Rückfluß. Folglich gibt er sich damit zufrieden, nur eine Zerstreuung zu sein. Bei Orphée habe ich beschlossen, das Risiko einzugehen und einen Film zu machen, als ob der Kinematograph sich den Luxus leisten könnte zu warten; als ob er die Kunst sei, die er sein müßte.‘

Jim Jarmusch ist im Grunde gar nicht so weit entfernt von Cocteau. Im Triple Feature, das das Cinema am Donnerstag um 22.30 Uhr zeigt, kann man sehen, wie der poetische Realismus immer wieder in surreale Gags umschlägt. NIGHT ON EARTH, STRANGER THAN PARADISE und DOWN BY LAW reihen ihre Bilder wie Perlen auf, der Faden spielt dabei immer eine große Rolle: Denn er hält zusammen, was sonst auseinanderrollen würde.

Die Luft der Zeit

Sein Thema sei die Zeit, hat Jean Eustache einmal gesagt: Er wolle die Luft der Zeit filmen. In der Reihe des Institut Français im Gasteig werden heute um 18 Uhr zwei Filme von Jean Eustache gezeigt, die zusammen eine Doppelbelichtung ergeben, deren Differenzen vielleicht so etwas wie die Luft der Zeit sichtbar machen. Es geht um eine schmutzige Geschichte aus zwei überlagerten Blickwinkeln: In UNE SALE HISTOIRE RACONTÉE PAR JEAN-NOEL-PICQ(1977) läßt Eustache einen Bekannten davon erzählen, wie sich eine Gruppe von Voyeuren in der Frauentoilette eines Pariser Cafés häuslich eingerichtet hat. In UNE SALE HISTOIRE (1977) inszeniert Eustache dieselbe Geschichte noch einmal mit Schauspielern.

Danach um 20 Uhr läuft LES TRICHEURS (1983) von dem mittlerweile in Hollywood tätigen Barbet Schroeder, ein Spielerfilm, den ebenfalls Les Films du Losange produziert hat und der bei uns nur im Fernsehen gelaufen ist. Jacques Dutronc, Bulle Ogier und Kurt Raab versuchen in dieser Geschichte, das Casino mit einem Trick beim Roulette zu betrügen.

Das Theatiner bringt in der Spätvorstellung von Montag bis Mittwoch Bergmanns SCHWEIGEN (1963), auch dies eine schmutzige Geschichte: ‚Nach dem SCHWEIGEN erhielt ich einen anonymen Brief, der ein schmutziges Stück Klopapier enthielt. Einige Leute riefen an und drohten, meine Frau und mich umzubringen. Das sexuelle Trauma in diesem Land war schon böse.‘

Das Kinderfilmfest im BMW-Museum bringt jeweils um 15 Uhr: Am Freitag DIE KLEINE HEXE von Zdenek Smetana, am Samstag DAS SCHULGESPENST von Rolf Losansky und am Sonntag FANTASY ISLAND – DIE GEISTERINSEL von Paul Donovan.

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