07. Oktober 1996 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Tin Cup

Entscheidung am 18. Loch

Mit TIN CUP gelingt es Kevin Costner und seinem Regisseur Ron Shelton, die Psychologie des Golfspiels ins Kino zu bringen

Sport lebt von Helden und Versagern, Wundern und Katastrophen, strengen Regeln und variabler Dramaturgie. So gesehen ist Sport wie Kino, und ein gutes Spiel kann es locker mit einem spannenden Film aufnehmen. Wie kommt es dann, daß Sportfilme fast immer Flops sind und es beispielsweise nicht einen vernünftigen Fußballfilm gibt? Vielleicht sind die Regeln doch strenger als im Film; und die Dramaturgie ist eben doch eine andere.

Am 18. Loch: Ron Shelton ist praktisch der einzige Regisseur, der es geschafft hat, nicht nur gute, sondern auch erfolgreiche Sportfilme zu drehen. In ANNIES MÄNNER hat er den Baseball, in „Weiße Jungs bringen´s nicht“ den Basketball gefeiert – nun widmet er sich dem Golf. Sein Geheimnis ist, daß er jedesmal Helden findet, die ihre Leidenschaft nicht nur ausleben, sondern auch in Worte fassen können. In TIN CUP weiß man nach den ersten Minuten, daß Kevin Costner seine Probleme nur am 18. Loch wird lösen können. Sobald das klar ist, läßt Shelton seinen Helden von allem möglichen reden – nur nicht von Golf.

Die weite Wüste von West-Texas, wo sich die Gürteltiere gute Nacht sagen, ist der letzte Ort, wo man Golfspieler erwartet. Aber genau dort führt Costner eine Golfschule, in der er sein Talent an der langen Leine führt. Und genau dort taucht eine schöne Frau (Rene Russo) auf, die für dieses Spiel zwar keinerlei Begabung mitbringt, aber als Gefährtin seines ehemaligen Freundes und jetzigen Lieblingsfeindes (Don Johnson) eine gewisse Herausforderung darstellt. Denn während Costner hier draußen seiner Lust am Golf frönt, verdient der weniger talentierte, aber geschicktere Freund gutes Geld mit diesem Sport.

Der Kampf um die Frau entscheidet sich natürlich nicht auf dem Grün, aber das Duell zwischen den beiden kann nur auf dem Platz ausgetragen werden. Bis dahin sind die Regeln jedem klar, und vor allem hat jeder begriffen, daß der ärgste Feind des Mannes ein anderer ist: er selbst. Golf mag ein Sport für Erwachsene sein. Daran liegt es jedoch nicht, daß dieser Film ein ziemlich erwachsener Spaß ist. Denn der Regisseur Shelton weiß, daß sich die Probleme zwischen Mann und Frau nicht mit einem einzigen gelungenen Schlag lösen lassen.

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