26. Oktober 1987 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | That’s Life

Ein Leben in Weißwein

THAT'S LIFE: Ein echter Blake Edwards

Vielleicht kommen die wirklich großen Erkenntnisse überhaupt nur beim Essen? Möglicherweise ahnt man gar nicht, wie nahe man der Wahrheit kommt, während man zehn Minuten lang auf einem zähen Stück Hummerfleisch herumkaut Zehn Minuten? Den Geschäftsführer bitte! Wie wird denn hier der Hummer zubereitet? Na, ins kochende Wasser geworfen, Harvey Fairchild ist außer sich. Man müsse sich nicht wundern, wenn der Hummer bei dem Schock zäh werde. In warmen Weißwein gehört er gelegt. Denn wenn man dann den Wein langsam zum Kochen bringt, könne der Hummer einen glücklichen, einen bewußtlosen Tod sterben. Harvey weiß, wovon er redet. Er wird dieses Wochenende sechzig und findet das schockierend genug.

Malibu, Beverly Hills, Kalifornien. Sonne, Strand und Swimmingpools. Ein Leben in Weißwein. Unheimlich entspannte Leute bewegen sich wie Goldfische durch ein Aquarium; Luftblasen steigen an die Oberfläche. Nur einen hat man offenbar plötzlich herausgefischt: Harvey Fairchild (Jack Lemmon), gefragter Architekt, Vater dreier erwachsener Kinder, und mit einer Frau beschenkt, die ihn und seine Neurosen liebt und pflegt. Alles ist in Ordnung, doch Harvey fühlt sich miserabel. Und er weiß nicht warum. „Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel, mehr weiß er nicht, wenn er wieder erwacht, ein Sturz wie durch alle Spiegel, und nachher, kurz darauf, setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.“ Das stammt von Max Frisch und es beschreibt präzise, was passiert sein muß. Vor dem Spiegel steht Harvey immer wieder. Doch was ihm da entgegenstarrt, das kann nicht alles gewesen sein. Das Bild, das er von sich und seinem Leben hatte, ist zerrissen. Jetzt sucht er nach einer neuenn Geschichte für seine Erfahrungen. Er träumt davon,wieder sagen zu können: Das bin ich. Das ist mein Leben.

THAT’S LIFE heißt der Film, und es geht darin dauernd ums Sterben. Harveys Frau Gillian (Julie Andrews) hat möglicherweise Krebs. Und während sie auf das Ergebnis der Biopsie wartet, muß sie das ganze Wochenende lang für die Seelenwehwehchen von Harvey und seinen Kindern ein offenes Ohr haben. Nur ihr hört keiner zu. Gillian ist die Klammer, die nicht nur die Familie, sondern auch den Film zusammenhält – eine wunderbare Liebeserklärung des Regisseurs an seine Frau. THAT’S LIFE ist sowieso ein richtiger Familienfilm, gedreht im Haus von Blake Edwards und Julie Andrews in Malibu. Ihre beiden Töchter aus erster Ehe, Jennifer Edwards und Emma Walton, spielen mit, sowie Jack Lemmons Frau Felicia Fair und sein Sohn Chris.

Es geht um eingebildete und echte Krankheiten. Als Komödie bewegt der Film sich fortwährend so nah an der Tragödie wie das Leben selbst – und umgekehrt. Woran man schon sieht, dass der Film von fließenden Übergängen handelt, vom Dazwischen und den Momenten, die sich nicht in Worte fassen lassen. Von den Löchern und Nischen des Alltags, in denen sich das Leben wie Wasser in Pfützen sammelt. Und mit einem Mal denkt einer, er ersticke darin und müsse raus und den Blick freikriegen auf die große Konstruktion, die er für sein eigenes Leben halten möchte: Harvey geht zur Beichte, läßt sich von einer jungen, attraktiven Klientin erfolglos verführen, versucht es bei einer Wahrsagerin und holt sich von ihren „tiefgreifenden“ Prophezeihungen nur Filzläuse. Er fühlt sich elend und impotent und bekommt von seinem Arzt zu hören, er sei kerngesund. Aber alle raten ihm, einen Psychiater aufzusuchen. Doch was Harvey wirklich fehlt, das könnte er auch dort nicht wiederkriegen. Ein Mann wird alt. Das ist zum Lachen oder zum Weinen. So nah lag beides selbst bei Blake Edwards noch nicht beisammen.

Aus dem Bauch des Architekten kommen nur Blähungen. Harvey erlebt seinen Körper und fühlt sich in dieser Welt der spiegelglatten Oberflächen nicht mehr wohl. Er weiß, daß man nicht jede tragende Mauer durch eine Wand aus Glas ersetzen kann. Was er aber vergessen hat: dass man in Luftschlössern nicht leben kann. Die Schwerkraft hat bei Edwards noch jeden auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt Es bleibt bei Harveys Traum: dass man einmal von seinen Bauwerken sagen wird „Das ist ein Fairchild“, so wie man sagt »Das ist ein Frank Lloyd Wright“. Und er hat noch einen: daß er das schönste Gebäude der Welt entwirft um sich dann von seinem Dach in die Tiefe zu stürzen. Aber Harvey bleibt auf dem Boden, wird sechzig und tanzt mit Gillian vor einer Leuchtschrift, die ihm augenzwinkernd einen glücklichen Geburtstag wünscht. Und wir gehen glücklich aus dem Kino und wissen: Das war ein echter Edwards.

(In München im Neuen Atelier.)

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