15. Februar 1991 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Texasville

TEXASVILLE von Peter Bogdanovich

Ich sehe Filme am Himmel

Als das „Royal“ in dem texanischen Nest Anarene zumachen muß, wird dort als letzte Vorstellung RED RIVER von Howard Hawks gezeigt, ein Film also, der von Leuten erzählt, für die der Horizont ein Versprechen ist. In Anarene ist der Horizont auch weit, aber bei seinem Anblick spüren Sonny und Duane nur die endlose Leere, in der sich auch ihre Träume verlieren. Ein gewaltiger Schwenk über die Landschaft wie in RED RIVER ist hier nicht mehr denkbar.
Die Kraft zur Erneuerung, von der Hawks erzählt, war allerdings schon damals nur noch ein schöner Traum. Als RED RIVER ins Kino kam, war es mit der Unschuld des Erzählens bereits vorbei, die Studios waren mit ihrer Macht am Ende, und das Fernsehen fing an, Wirkung zu zeigen. In der Vorlage von Larry McMurtry für DIE LETZTE VOSTELLUNG sehen sich die beiden Jungen einen Western mit Audie Murphy an, aus dem sie noch vor dem Ende herausgehen. Peter Bogdanovich hingegen begreift das Kino seiner Vorbilder als letzte Heimat des Mythos in Amerika. Seine Bilder beschreiben einen Verlust, und es ist genau dieser Mangel, von dem der Film lebt.

Ein Kino schließt, und eine Menge Geschichten kommen an ihr Ende. Sam stirbt, Duane geht nach Korea, Jacy aufs College, Billy wird überfahren, und Sonny bleibt allein zurück mit seinen Erinnerungen, die fortan seine Heimat bilden. Am Ende geht er zu der älteren Frau, die er wegen Jacy ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte, und bittet sie, bleiben zu dürfen. So bindet der Film zwei Menschen ohne Zukunft, zwei Übriggebliebene, zu einem verzweifelten Ende zusammen: „Ihr war, als liege ihr etwas auf der Zunge, das zu lernen sie vierzig Jahre gekostet hatte, etwas Weises oder Tapferes oder Schönes, das sie jetzt endlich aussprechen konnte. Es würde genau das sein, was Sonny über das Leben wissen mußte, und sie hätte es auch gesagt, wenn sie nicht selbst so erleichtert gewesen wäre. Sie rang damit, drückte Sonnys Hand, aber irgendwie verlor sie die Worte.

DIE LETZTE VOSTELLUNG ist die 1971 entstandene Verfilmung eines Romans aus dem Jahr 1966, der in den frühen fünfziger Jahren spielt. Der Film wurde für acht Oscars nominiert und gewann zwei. 1987 schrieb Larry McMurtry, inzwischen Autor des Welterfolgs „Zeit der Zärtlichkeit“ und Pulitzerpreisträger, die Fortsetzung TEXASVILLE, die 1984 spielt und jetzt von Bogdanovich verfilmt worden ist.

Cybill Shepherd, Jeff Bridges und Timothy Bottoms sind wieder dabei als Jacy, Duane und Sonny. Was einst Sonnys Geschichte war, konzentriert sich jetzt auf Duane. Er hat den Koreakrieg überlebt, ist mit Öl reich geworden, hat geheiratet und steht wegen der Ölkrise vor dem Bankrott. Seine zwölf Millionen Schulden scheinen ihn jedoch weniger zu beunruhigen als die Tatsache, daß ihm sein Leben über den Kopf wächst. Seine so heiratswie scheidungswütige Tochter überläßt die Sorge um ihre beiden Babies dem Großvater, seine spitzzüngige Frau gerät angesichts der immer höher- werdenden Schulden in einen Kaufrausch, und sein Sohn beglückt, wenn er nicht gerade im Gefängnis sitzt, dieselben Frauen wiesein Vater. Duanes Leben gleicht einem Tollhaus, und es wird auch dadurch nicht ruhiger, daß plötzlich Jacy wieder in Anarene auftaucht, um dort über den Tod ihres Sohnes hinwegzukommen.

So elegisch der erste Film war, so hysterisch ist der zweite. Beiden zu eigen ist die gelassene Verzweiflung, mit der ihre Helden auf die Ereignisse um sie herum reagieren. Wo es Bogdaiovich einst gelang, bei aller Nostalgie jede Sentimentalität zu vermeiden, da schafft er es diesmal, inmitten des Übermuts einen Blick für die kleinsten Gemütsschwankungen zu bewahren TEXASVILLE ist einer der schönsten Filme über die Beziehungen zwischen Frauen und Männern seit Truffauts Tod.

Während sich am Rande die Ereignisse überschlagen, bleibt es im Zentrum des Films ruhig. Dort gibt es nur Duane und die Frage, wieviel im Leben eines Menschen Erinnerungen zählen. Rat- und tatenlos muß Duane zusehen, wie sich Jacy mit seiner Frau Karla anfreundet. Immer sind ihm die beiden Traten einen Schritt voraus. Während er heimlich in alten Photos kramt, nennt Rarla seine alte Liebe beim Namen, und während er noch überlegt, wie er sich Jacy gegenüber verhalten soll, spricht sie seine Gedanken schon aus. Selbst sein bedingungslos treuer Hund Shorty schließt sich auf den ersten Wink hin Jacy an. Ausgerechnet Duane; der vor zwanzig Jahren noch seinem Freund Sonny gerade das männliche Selbstverständnis voraus hatte, ringt nun darum, seine Rolle als Mann zu bestimmen. Er scheint immer noch der Vorstellung nachzuhängen, daß sich alles im Leben zu Geschichten fügen müsse.

Seine Trauer über die Unmöglichkeit eines Erzählens, das Anfang und Ende kennt, hat Bogdanovich ganz in die Figur von Jeff Bridges hineinverlegt. Es mag makaber wirken, ist aber durch Texte belegbar, daß die männliche Selbsterkenntnis in TEXASVILLE auch etwas zu tun hat mit der Ermordung von Bogdanovichs Lebensgefährtin Dorothy Stratten im Jahr 1980. Er hat ein Buch darüber geschrieben, „The Killing of the Unicorn“ („Die Ermordung des Einhorns“), in dem er das Portrait einer wehrlosen Frau in einer gierigen Männerwelt zeichnet. Die Zwanzigjährige, die bei Bogdanovich in SIE HABEN ALLE GELACHT mitgespielt hat, war Playmate des Jahres gewesen und von ihrem Ehemann brutal umgebracht worden. Bogdanovich hat später mehrfach auf Molly Haskells Studie FROM REFERENCE TO RAPE hingewiesen, in der sie eine Verbindung zieht zwischen dem Frauenbild im Kino und der Gewalt, die Frauen im Leben widerfährt. Die Kraft, mit der er die Frauen hier ausstattet, und die Entschlossenheit, mit der er der Vergangenheit eine Absage erteilt, sind sicher auch eine Reaktion auf diese Erfahrungen. Daß im Film zwischen Duane und Jacy nichts passiert und daß Duane am Ende auch für einen Moment zu begreifen scheint, warum, das ist das Wunderbare an TEXASVILLE.

Die Erfahrungen, die Duane macht, kommen für Sonny zu spät. Er ist zwar Bürgermeister von Anarene geworden, aber die Trauer ist nie von ihm gewichen. Unter der Last der Erinnerungen flieht sein Verstand immer öfter aus der Wirklichkeit und entführt ihn in eine Traumwelt, in der sich Film und Wirklichkeit vermischen. Dann findet er sich wieder unter freiem Himmel in der alten Ruine des „Royal“, wo er gebannt den Filmen in seiner Imagination folgt. Der Film, den Sonny am Ende über dem weiten, leeren Horizont von Anarene zu sehen glaubt, ist RIO BRAVO von Howard Hawks. Darin geht es um ein paar müde, in die Jahre gekommene Männer, die all ihre Kraft zusammennehmen müssen, um ein Gefängnis zu verteidigen. Das ist seine letzte Vorstellung.

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