08. März 1991 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Green Card

GREEN CARD von Peter Weir

Tisch und Bett

Nichts ist schwerer im Kino als das Leichte: jene Momente, wenn Filme in einem Atemzug von den schönsten Lügen und den traurigsten Wahrheiten künden. Die Filme von Blake Edwards sind so und die von Jean Eustache, die von Raoul Walsh und die von Jacques Demy. Und auch das Kino des Peter Weir besitzt diese Leichtigkeit, die die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit durchlässig scheinen läßt. Ein Franzose und eine Amerikanerin: Er braucht eine Arbeitserlaubnis, sie eine Wohnung. Man arrangiert eine Heirat, nach der sich Georges und Bronte nie wieder sehen müssen. Als sich jedoch die Einwanderungsbehörde meldet, kommen die beiden um eine Bekanntschaft nicht herum. Ein Wochenende lang haben sie Zeit, sich eine Ehe zu erfinden, die allen Prüfungen standhält. Denn am Ende müssen sie in getrennten Verhören beweisen, wie gut sie sich kennen.

Was den Erfolg allerdings von Anfang an in Frage stellt, ist die Tatsache, daß die beiden nichts, aber auch gar nichts gemeinsam haben. Er ist Raucher, sie ist Vegetarierin, seine Präsenz ist physisch, ihre eher ätherisch, er ist nonchalant, sie ist etepetete. Gerard Depardieu und Andie MacDowell spielen dieses ungleiche Paar, und es ist vor allem der französische Superstar, der den Tonfall des Films prägt. Kein Wunder, schließlich hat Peter Weir diese Geschichte eigens für Depardieu geschrieben und dann ein Jahr gewartet, bis der Vielspieler endlich Zeit hatte. Mit seiner Mischung aus Grobschlächtigkeit und Grazie, aus Empfindsamkeit und Egoismus gelingt es Depardieu, in seiner ersten amerikanischen Rolle ganz bei sich selbst zu bleiben. Seine ausufernde, alles vereinnahmende Art verschafft GREEN CARD selbst dort Lebendigkeit, wo die Komödie fast programmatisch die Fremdheit der beiden Stars ausspielt.

Wie Menschen mit Fremden umgehen, das war schon immer das Thema bei Peter Weir. Ob PICKNICK AM VALENTINSTAG, DIE LETZTE FLUT, WENN DER KLMEPNER KOMMT, GALLIPOLI, EIN JAHR IN DER HÖLLE, DER EINZIGE ZEUGE, MOSQUITO COAST oder CLUB DER TOTEN DICHTER, in allen Filmen geht es um die Erfahrung mit dem Unbekannten, mit dem, was aus dem Rahmen fällt. Wie, wollen diese Filme wissen, reagieren Gemeinschaften auf Eindringlinge, wo liegen die Grenzen der Kommunikation, was ist kulturelle Identität? Auf der Suche nach Antworten pendeln Weirs Filme zwischen Vermittlung und Verweigerung, Neugier und Vorsicht. Ganz langsam verschiebt er die Perspektiven und löst dadurch die Gegensätze allmählich auf. Auf Versöhnung sind diese Filme nicht aus, eher schon darauf, das Fremde als das Unbekannte in sich selbst zu erkennen. Denn es bleibt immer ein Rest, der sich allen Erklärungen entzieht, ein Stachel im Fleisch, der sich nicht fassen läßt.

Je einfacher die Rezepte dieser Filme scheinen, desto leichter werden sie. Irgendwann werden sie sich ganz in Luft auflösen. Gerade das, was GREEN CARD so harmlos erscheinen läßt, verstört auch am nachhaltigsten. Zwei Menschen erfinden sich gezwungenermaßen eine Vergangenheit, und plötzlich wiegt diese Fiktion schwerer als die Wirklichkeit. Sie stellen sich mit Skiern aufs Dach und schießen gegen den Himmel falsche Urlaubsphotos – und daraus werden dann richtige Erinnerungen. Die Bilder, die sie sich anfangs voneinander machen, lösen sich auf: So kann man im Kino der Liebe bei der Arbeit zusehen.

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