05. April 1991 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Taxis Blues

TAXIS BLUES von Pavel Lungin

Russland im Jahre Null

Die Perestrojka hat viele Oblomows aufgeweckt. Einer von ihnen, heißt es in einem Portrait von Victor Jerofejev, sei Pavel Lungin. Er habe in seiner Moskauer Wohnung seine Freunde um sich versammelt, einen Wodka nach dem anderen gekippt und sich über sowjetische Kunst und den Machtapparat ausgelassen. Lungin selbst sagt, die einzig realen Dinge seien damals für ihn sein Sofa und seine Bücher gewesen. Immerhin hatte er bereits zehn Drehbücher geschrieben, deren Verfilmungen allerdings, wie er sagt, mit ihm nicht viel zu tun hatten.

1987 ließ man den 38jährigen dann endlich nach Paris: „Als ich zurückkehrte nach Moskau, war dort alles Kälte, Schnee und Langeweile. Ich verkroch mich in einem kleinen Haus auf dem Land und schrieb mit erstaunlicher Mühelosigkeit Taxi Blues. Es war, als ob mich der Aufenthalt in Frankreich zu neuem Leben erweckt und von der Gewohnheit der Selbstzensur befreit hätte. Erstmals hatte ich meine persönlichen Ansichten nicht verborgen gehalten, beschrieb ich meine Beziehung zu meinem Land, das ich gleichzeitig liebe und hasse, und berührte dieses eigenartige Phänomen der Selbstzerstörung, dem meine ganze Generation zum Opfer gefallen war.“

TAXI BLUES eine französisch-sowjetische Coproduktion, gewann letztes Jahr in Cannes den Preis für die beste Regie. Es findet sich darin eine Mischung aus Haß und Liebe, Gewalt und Beiläufigkeit, Erfindungsreichtum und Illusionslosigkeit, die einem den Atem raubt. Die Zeit sei gekommen, meint Lungin, einfach Geschichten zu erzählen. Tarkowski zum Beispiel hält er dessen Genie zum Trotz für ein Opfer der russischen Krankheit, der Prophetie. Immer habe er gleich die ganze Welt retten wollen. Bei TAXI BLUES ist die Welt nicht mehr zu retten. Was dennoch bleibt, ist der Blues. Der Film beginnt mit einem Feuerwerk und einer Fahrt durch die Nacht, und er endet im Morgengrauen, als nach einem Unfall ein Auto explodiert. Das Opfer ist ein Japaner, der nichts mit dieser Geschichte zu tun hat. Der Schluß besitzt nicht einmal mehr den Trost der Kausalität. Die Gewalt kann sich jederzeit entladen, aber sie trifft nicht einmal mehr ihr Ziel. Wo sich die Ursachen nicht mehr ausmachen lassen, sind auch die Wirkungen nicht mehr berechenbar. Das Ende ist kein Fanal, sondern purer Zufall. Das ist das Ende der Illusionen.

Pavel Lungin erzählt die Geschichte eines Taxifahrers (Pjotr Mamonov) und eines Musikers (Pjotr Zaicenko), die auf seltsame Weise aneinander gebunden sind. Der Musiker hat den Taxifahrer um das Fahrgeld geprellt. Doch der findet ihn und nimmt ihm sein Saxophon weg, um es zu versetzen. Als er jedoch erfährt, daß das Instrument viel mehr wert ist, als ihm der Musiker schuldet, gibt er es zurück und schließt einen anderen Handel ab: Bett und Wodka gegen die westliche Kleidung, deren Verkauf in etwa die Schulden decken dürfte. Doch während sich der Taxifahrer auf den Weg macht, legt sich der Musiker in die Badewanne, trinkt eine Flasche Kölnisch Wasser aus und setzt das Haus unter Wasser. Diesmal muß er seine Schulden abarbeiten. Der Taxifahrer nimmt dem Musiker die Papiere und macht ihn zum Sklaven. Er muß Koffer tragen, Autos waschen und zur Verfügung stehen. Dabei lernt er jedoch einen amerikanischen Jazzer kennen, der ihm zu einer Karriere in den USA verhilft. Bei seiner Rückkehr nach Moskau zahlt er dann dem Taxifahrer alles zurück. Aber die Rechnung zwischen beiden ist längst nicht mehr zu begleichen.

Dies ist nicht die Geschichte von Erfolg oder Niederlage, sondern das Portrait einer Schizophrenie, von zwei Seiten, die weder mit noch ohne einander können. Künstler und Arbeiter, Autorität und Anarchie, Europa und Asien, Täter und Opfer, Liebe und Tod, all das ist in TAXI BLUES unauflöslich ineinander verwoben. Lungin sucht nicht nach Trennendem, sondern nach Zusammenstoß. In beiden Figuren gibt es sadistische und masochistische Züge zugleich, einen Hang zu Zerstörung und Selbstzerstörung, in dem Vernunft keinen Platz hat. Die alte Ordnung ist dahin, eine neue gibt es noch nicht. Die freigesetzten Energien suchen im Chaos nach Ventilen. So schildert Lungin ein Land an der Schwelle zum Bürgerkrieg: Hinterhöfe, Fleischfabriken, Waschstraßen, Gefängniszellen. Eine düstere Welt zwischen Exzeß und Ekstase, Stagnation und Prostitution. Rußland im Jahre Null: Nichts geht mehr.

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