15. März 1991 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Avalon

AVALON von Barry Levinson

Die Vertreibung aus dem Paradies

Der Himmel steht in Flammen und der Boden dazu. In den Pfützen spiegelt sich das Feuerwerk und in den Augen das Glück. So erlebt Sam Krichinsky bei seiner Landung in Amerika am Nationalfeiertag des Jahres 1914 die Neue Welt als Wille und Vorstellung. Was er sieht, ist sein amerikanischer Traum. Der Widerschein dieses Feuerzaubers wird den Film noch lange erhellen, bis er vom bläulichen Flimmern der Fernsehschirme überstrahlt wird. Dann ist es auch mit dem Traum aus und vorbei.

Barry Levinson hat mit DINER klein angefangen und ist mit RAIN MAN groß herausgekommen. Früher hat er Geschichten erzählt, diesmal eher ein Exempel statuiert. Nicht umsonst heißt sein neuer Film AVALON. So heißt in der Sage das Paradies auf Erden AVALON steht auch in Stein gehauen an der Fassade des Hauses, in dem die Gebrüder Krichinsky ihre erste Bleibe in Baltimore gefunden haben. Am Ende wird Sam an diesen Ort zurückkehren; aber da ist nichts mehr übrig von Avalon. Und weil Sam das Licht der Neuen Welt am 4. Juli erblickt hat, sagt dieses Bild auch etwas über Amerika, AVALON ist die Geschichte vom verlorenen Paradies.

Der Film erzählt in groben Zügen Levinsons eigene Familiengeschichte. Demnach wäre Armin Mueller-Stahl sein Großvater, Aidan Quinn sein Vater, Elizabeth Perkins seine Mutter, und Elijah Wood wäre er selbst. Der Film spielt größtenteils in Levinsons Kindheit, in den späten vierziger Jahren, als der Traum langsam seine Leuchtkraft verliert. Die Alten zerstreiten sich, die Jungen zerstreuen sich in alle Winde. Wo sich einst die Großfamilie an Thanksgiving um den Truthahn versammelt hatte, wird sich am Ende die Kleinfamilie mit ihren Tellern vor den Fernseher setzen. Fernsehen war schon in den ersten beiden Folgen der Baltimore-Trilogie DINER und TIN MEN ein zentrales Thema Levinsons, weil es den kurzsichtigen Helden scheinbar Überblick verschaffte in einer undurchschaubaren Welt. Je unrealistischer BONANZA wirkte, desto sicherer waren sie, daß sie selbst noch mit beiden Beinen in der Wirklichkeit standen. Auf der Suche nach Ordnung in ihrem im Umbruch befindlichen Leben kamen ihnen Quizsendungen, Baseball-Regeln oder Plattensammlungen gerade recht. Die Leidenschaft, die sie für solche Dinge hegten, verriet etwas über die Figuren und verlieh den Filmen Witz. In AVALON aber macht Levinson auf einmal Ernst mit dem Fernsehen.

Die Familie beweist Weitsicht. Man investiert ins neue Medium, als es darin außer dem Testbild noch kaum etwas zu sehen gibt. Um das zu zeigen, bringt Levinson einen Apparat ins Bild, dann einen weiteren und schließlich eine ganze Batterie von sinnlos flimmernden Fernsehgeräten. Was an seinen früheren Filmen begeisterte, war die beiläufige Art ihres Humors; aus unerfindlichen Gründen scheint er dem nun nicht mehr zu trauen. Das Bild der Reihe von Fernsehgeräten kehrt wieder in einer endlosen Kette von Reihenhäusern, dort, wo die Familie jetzt wohnt. Die Botschaft ist die gleiche.

Natürlich besitzt AVALON auch Witz, und natürlich gibt es auch bewegende Momente. Aber wo Levinsons Filme einst dem modernen Menschen Trost boten, da verraten sie ihn nun. So gesehen bedeutet AVALON die Vertreibung aus dem Paradies.

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