11. November 1988 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Stirb langsam

STIRB LANGSAM von John McTiernan

Die Schnittfolgen von Fellinis 8 1/2 hat John McTiernan auf der Filmhochschule auswendig gelernt. Für STIRB LANGSAM hat er den Umgang mit Nebenfiguren bei John Ford studiert und Beethovens Ode an die Freude zum Hauptmotiv des Soundtracks gemacht. McTiernan ist also ein Regisseur dritter Ordnung, einer aus der Generation nach Theorie in der Tasche nach Hollywood gegangen ist und die Reflexion über das Kino ins System hineingebracht hat. Das Erzählen im Genre müssen sie simulieren, indem sie die Versatzstücke unglaublich beschleunigen und die Bewegung auf engstem Raum konzentrieren. In den 34 Stockwerken des Century Plaza Towers in Los Angeles spielt DIE HARD, in seinen Fahrstuhlschächten, Entlüftungsröhren und Versorgungstunneln. Eine Gruppe von High TechGangstern hat die Belegschaft einer Weihnachtsfeier als Geiseln genommen, um an die 640 Millionen im Tresor der Firma zu kommen. Einer ist ihnen entkommen, der Cop John McClane, den Bruce Willis tongue in cheek, mit lässig unterdrückter Selbstironie spielt. Seine Reise ans Ende der Nacht führt barfuß über Scherben. Im Kontrast zur vollen Feuerkraft, mit der das Katz und MausSpiel von allen Seiten geführt wird, erzeugt das eine überraschende Verletzlichkeit — Weichteile in einem ansonsten perfekten unmenschlichen System. Der Rest ist stahlharte Konstruktion. Wenn dann McTiernan am Ende alles in Trümmer legt, hat sich auch der Film in Nichts aufgelöst. Es ist wie im SOMMERNACHTSTRAUM, nur dass die Liebenden, die sich am Ende der Nacht wiederfinden, diesmal den ganzen Wald vorher abgefackelt haben.

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