18. November 1988 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Tucker

TUCKER von Francis Ford Coppola

Amerika, Amerika

Der Film betreibt ungeniert Werbung, denn er will etwas verkaufen: einen Mann und seinen Traum. Dafür nimmt er das gute alte amerikanische Filmrezept her: action is heute üblichen Sinne begreifen darf, sondern mehr als Motor, als Antriebskraft. Aber auch so betrachtet veranstaltet der Film eine Menge Wirbel. So wie die Wochenschauberichte nach dem Krieg, in denen Bilder aus aller Welt und Zeitungsschlagzeilen durcheinanderwirbelten, gut gelaunt, optimistisch und in einem Tempo, das diesen Tonfall bekräftigte.

Nach dem Krieg, als das Kino seine Unschuld verloren hatte und neurotisch geworden war, ging auch die große Zeit von Preston Sturges und Frank Capra zu Ende. Der losgelassene Erfindungsgeist des einen und der soziale Idealismus des anderen zogen nicht mehr richtig. Als wars ein Stück von ihnen, verbindet die Biographie und Figur von Preston Tucker beide Züge in sich. Aber um damit wirklich erfolgreich sein zu können, war er zu spät geboren. Coppola interessiert sich indes nicht für die Maschinerie des Niedergangs, sondern für die Ideen, die dahinterstecken.

Preston Tucker entwarf ein Auto, das seiner Zeit in Form und Inhalt voraus war, und ging mit dem Geld, das die späteren Käufer vorgestreckt hatten, in Produktion. Tuckers „Torpedo“ war schneller, geräumiger, sicherer und billiger als die Wagen der großen Drei aus Detroit, Ford, Chrysler und General Motors. Das war sein Pech: Er war zu gut Über politische Kanäle wurde Tucker noch vor der Verwirklichung seines Traums zu Fall gebracht. Juristen, Senatoren und Bürokraten trieben ihn unter fadenscheinigen Anklagen vor Gericht. Preston Tucker gewann zwar den Prozeß, verlor aber seine Firma. Er war bankrott, hatte jedoch fünfzig Modelle fertigstellen können, deren Neuerungen – Heckmotor, Scheibenbremsen, Sicherheitsgurte und splitterfreie Windschutzscheiben – Detroit später einfach übernahm. Sechsundvierzig existieren noch heute, Francis Coppola und George Lucas besitzen jeweils zwei. Die Sache ist ihnen also eine Herzensangelegenheit.

Auch Coppolas Vater hatte sich einst einen Tucker bestellt, und der junge Francis war tief enttäuscht, als er erfuhr, daß das Auto nie fertigwerden würde. Nicht die Mechanik oder Hydraulik habe ihn damals begeistert, sagt Coppola, sondern die raketenartige Stromlinienform. Das gilt unterschiedlos für seinen Film. Ihm fehlt der Sinn für das Mechanische, was er ausgleicht durch seinen Sinn fürs Formale. Am Ende sagt Preston Tucker im Film: „Wen kümmerts, ob es 50 oder 50 Millionen Autos geworden sind. Das ist alles nur noch eine Frage der Maschinerie. Was allein zählt, ist die Idee.“

Über die Form dieser Idee hat sich Coppola schon lange Gedanken gemacht. Einst bat er Frank Capra, in dessen Stil er die Geschichte erzählen wollte, um seine Meinung. Der sagte: „Sie können keinen Caprä Film über einen Kerl machen, der unterliegt. Wollen Sie denn etwa sagen, daß der amerikanische Traum nichts taugt?“ Coppola verwarf das Projekt, nahm es später wieder auf, wollte es erst als Citizen Kane Geschichte, dann im Kabuki Stil verfilmen. Jetzt hat er doch einen Capra Film daraus gemacht, in dem die Solidarität der kleinen Leute etwas zählt, der Glaube Berge versetzt und der Erfolg eine Frage der Perspektive ist. Der Produzent George Lucas meint, noch vor zwanzig Jahren hätten sie daraus einen „wütenden Film“ gemacht.

An einer Stelle sagt Abe, Tuckers Partner und Mann in Geldsachen, seine Mutter habe ihn immer davor gewarnt, den Leuten nicht zu nahe zu kommen, sonst fange er sich ihre Träume ein. Coppola hat auf seine Mutter offenbar nicht gehört, denn er infiziert sich immer hoffnungslos mit den Träumen seiner Helden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum seine Filme an manchen Stellen seltsam distanziert daherkommen. Weil er seine Figuren zu genau kennt, um sie noch ökonomisch an den Mann bringen zu können. Er macht das allerdings wett durch einen phänomenalen Sinn fürs Atmosphärische, durch penible Schilderung der Umstände, durch gewaltige Einbildungskraft.

Auch TUCKER besitzt diese opulente Kargheit, deren Kontrast fasziniert. Hinterher sagt man sich: So etwas hat man noch nie gesehen. Aber was hat man eigentlich gesehen? Vor Jahren, als mit „One From the Heart“ sein Traum vom alternativen Filmemachen der Zukunft ausgeträumt und sein Zoetrope Studio bankrott war, phantasierte Coppola von einem zukünftigen Epos, das auf einer „Billion“ verschiedener Ebenen sich abspielt: „Mehr ein Gobelin als ein Film, wie wir ihn kennen.“

So ist TUCKER: unglaublich fein gewebt, aber die Unzahl von Filmbildern überlagert sich zu einem einzigen Bild, einer Idee, der sich alles unterordnet. So wie Coppola in DER PATE I + II“ oder in COTTON CLUB verschiedene Handlungen synchron zu traumhaften Sequenzen verwob, so schiebt er auch in TUCKER Raum und Zeit ineinander. Coppola hat einfach zwei Sets neber einander konstruieren lassen, so daß, wenn etwa zwei telephonieren, man beide zugleich im Bild sieht. Durch diese Gleichzeitigkeit behält er Preston Tucker immer im Bild und seinen Traum im Auge. Die Kontinuität zählt bei ihm nichts, Wille und Vorstellung alles.

Inmitten der lichten Phantasie zeigt Coppola auch einmal das Herz der Dunkelheit. Der stets lächelnde, agile, familiensinnige Tucker, den Jeff Bridges als All und Gary Cooper spielt, wird vom lichtscheuen, unnahbaren Monstrum Howard Hughes zu sich gerufen. Das Treffen mit dem eigenbrötlerischen Milliardär gehört zu den großen Momenten des Films; und das nicht nur, weil Dean Stockwell als Hughes – wie übrigens auch Martin Landau als Abe – daraus eine der atemberaubendsten Nebenrollen der letzten Zeit macht.

Der bonbonkauende, monomanisch fahrige Hughes und der ungläubig staunende, hoffnungsfrohe Tucker, zwei der größten Erfinder ihrer Zeit, stehen einander gegenüber als zwei Seiten einer Medaille. Im Hintergrund thront das größte Wasserflugzeug aller Zeiten, das von Hughes einmal geflogen und dann auf alle Zeiten im Hangar verstaut wurde. Und Hughes kaut mühsam heraus: „Die Anwälte sagen, es könne nicht fliegen. Wen kümmert es schon, ob es fliegt – das ist doch nicht der Punkt.“

Das ist der Punkt des Films, das heimliche Herz. Wenn auf einmal die Idee ein unmenschliches Gewicht bekommt, wenn der amerikanische Traum, der Glaube an einen Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär, from rags to riches, seine erdrückende Last andeutet, wirft der Film einen Blick in seine eigene Maschinerie.

Nach der Pleite entwarf Preston Tucker einen neuen Wagen, den „Carioca“, den er in Brasilien produzieren wollte. Francis Coppola sitzt zur Zeit in Cinecittà und arbeitet an einem neuen Projekt mit dem Titel MEGALOPOLIS. Er hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass TUCKER auch seine eigene Geschichte ist.

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