07. März 1996 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Sinn & Sinnlichkeit

Wenn das Glück endlich sein Haupt neigt in diesem Film, kommt es zu einer Reaktion, die so unerwartet und zwingend zugleich ist, daß man ihr völlig wehrlos ausgeliefert ist. Wenn all das Neigen von Herzen zu Herzen, das so lange ins Leere lief, endlich einen Gleichklang bildet, fallen sich die Liebenden nicht etwa in die Arme, sondern man sieht statt dessen, wie die Heroine in unkontrolliertes Schluchzen ausbricht. So lange hat sie ihre Gefühle im Zaum gehalten, daß in dem Moment, wo sie endlich die Zügel schießen läßt, ihre Emotionen sozusagen vor lauter Überschwang in die falsche Richtung galoppieren. All das Hoffen und Sehnen ist vorüber, all die Anspannung und Verzweiflung fällt ab, und die Heldin schlägt die Hände vors Gesicht, unfähig ihrem seelischen Erdbeben Einhalt zu bieten. Noch nie war es so schön, im Kino jemanden weinen zu sehen.

Sie sei zur Zeit offenbar heißer als Quentin Tarantino, schrieb Martin Amis neulich im New Yorker über Jane Austen. Nach den sieben Oscar-Nominierungen und dem Goldenen Bären für Sinn & Sinnlichkeit, dem Erfolg der sechsteiligen Verfilmung von Pride and Prejudice und den geplanten Verfilmungen von Emma, der unlängst schon in Clueless eine Aktualisierung erfahren hat, steht Miss Austen in der Tat hoch im Kurs. Nicht daß sie je unaktuell gewesen wäre, die Unterdrückung der Gefühle ist schließlich immer ein Thema, aber im momentanen Klima, wo keiner so recht weiß wohin, ist die festgefügte viktorianische Welt ihrer Romane offenbar ein gutes Gerüst für Geschichten um Gefühl und Verstand, Stolz und Vorurteil und was sonst noch so in Mode ist.

Sieben Nominierungen, aber keine für den Regisseur – das ist natürlich absurd. Vermutlich wußte keiner so recht, wie der Taiwanese Ang Lee bei einer Produktion mit amerikanischen Produzenten und britischem Stab ins Bild passen soll. Dabei muß man noch nicht einmal die Autorentheorie bemühen, um ziemlich naheliegende Verbindungen zu erkennen. Sowohl in Das Hochzeitsbankett als auch in Eat Drink Man Woman ging es um unterdrückte Gefühle und emotionale Opfer, um den Konflikt zwischen gesellschaftlichen Konventionen und privaten Glücksvorstellungen. Hier heiratete ein Schwuler aus Angst vor seinen Eltern eine Frau; dort ließen sich drei Schwestern von ihrem Vater jeden Abend bekochen und begruben ihre wahren Gefühle unter kulinarischen Verrichtungen. Ang Lee zeichnete sich in beiden Fällen durch einen ziemlich liebevollen Blick auf jene Rituale aus, in die sich Menschen flüchten, um ihr Leben in geregelte Bahnen zu leiten.

Emma Thompson, die als Drehbuchautorin eine Favoritin für den Oscar sein dürfte, hat Jane Austens Roman von allem antiquierten Gerümpel befreit und den Blick auf die unterschiedlichen Le bensentwürfe der beiden Schwestern geöffnet. Die eine verkörpert naheliegender Weise sense, die andere sensibility: Die eine folgt dem Herzen (Kate Winslet), die andere dem Verstand (Emma Thompson) – Erfolg haben sie erst einmal beide nicht. Die eine büßt mit stumm erduldetem Unglück, die andere beinahe mit dem Tod. Aber beide haben immerhin die Wahl, wohingegen die Männer, so begehrenswert sie den Frauen auch erscheinen mögen, eher willensschwach sind und sich willfährig zum Spielball gesellschaftlicher Händel und Launen machen lassen. Der erste (Greg Wise) zieht eine bessere Partie vor, der zweite (Hugh Grant) vermag sich nicht zu erklären, und der dritte (Alan Rickman) liebt stumm vor sich hin. Dieser Film ist ganz klar eine Frauensache.

Ang Lee wiederum hat die Geschichte mit der nötigen Klarheit in Szene gesetzt. Immer wieder geht der Blick durch Fenster, Türen und andere Rahmen, in denen die Figuren gefangen zu sein scheinen. Bei all den Intrigen und Machenschaften, Mißverständnissen und Verwicklungen, die das Geschehen immer wieder bremsen und behindern, wirken die Blicke in die englische Landschaft stets wie eine Befreiung. Vielleicht erschließen sie sich nur einem Betrachter, der von so weit außen kommt wie Ang Lee. Ihm ist die viktorianische Vergangenheit genauso fremd wie die europäische Realität, das heißt aber auch: genauso nah. Vielleicht ist der Film deshalb so natürlich, ungekünstelt und unbeschwert. Am Ende gewinnt der Film womöglich den Oscar – und der Regisseur ist nicht einmal nominiert.

SENSE AND SENSIBILITY, GB 1996 – Regie: Ang Lee. Buch: Emma Thompson nach dem gleichnamigen Roman von Jane Austen. Kamera: Michael Coulter. Musik: Patrick Doyle. Produktionsdesign: Luciana Arrighi. Mit Emma Thompson, Kate Winslet, Hugh Grant, Alan Rickman, Greg Wise, Imogen Stubbs, James Fleet, Tom Wilkinson, Harriet Walter. Verleih: Columbia. 136 Minuten.

Reaktionen:

Vor Königin Viktoria

Leserbrief uu der Rezension "Love Hate Man Woman" in der SZ vom 7.3.:
Daß Ang Lee, dem taiwanesischen Regisseur von Sense and Sensibility, die 'viktorianische Vergangenheit genauso fremd wie die europäische Realität' sei, brauchte Rezensent Michael Althen eigentlich nicht zu wundern: Denn als Jane Austen 1817 starb, war Königin Viktoria, die ihrem Zeitalter den Namen gab, noch nicht einmal geboren. Schon ein rascher Blick ins Konversationslexikon hätte genügt, das halbgebildete Gerede von der 'festgefügten viktorianischen Welt', die sich in Austens Romanen fände, zu vermeiden.

KATHARINA MARIA FAJEN

Süddeutsche Zeitung, 02. 04. 1996

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