04. März 1996 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Chinatown & Die Spur führt zurück

Wasser und Öl sind dicker als Blut

Lange Schatten unter ewiger Sonne: Robert Towne, Jack Nicholson, Robert Evans

Eine Wüstenrose hat der Schriftsteller John Fante diese Stadt einst zärtlich genannt. Aber seither hat sich das kalifornische Idyll in etwas verwandelt, was nur noch die Idee einer Stadt ist, ein Internet verschiedenster Landstriche und Völkerschaften, ein Häusermeer, das von einem Tal ins nächste schwappt, eine Phantasmagorie gieriger Grundstücksmakler und Bodenspekulanten.

Wie diese Stadt wurde, was sie ist, wollte der Drehbuchautor Robert Towne in einer Trilogie erzählen: Wie Gier und Korruption die Engel aus Los Angeles vertrieben haben. Aber von den drei Teilen, die vom Anfang des Endes im kalifornischen Paradies erzählen sollten, sind nur zwei gedreht worden: CHINATOWN und DIE SPUR FÜHRT ZURÜCK (THE TWO JAKES). Der erste gilt als Meisterwerk, der zweite als Flop, der dritte bleibt deshalb vermutlich auf ewig ein Traum.

CHINATOWN spielt 1937, THE TWO JAKES elf Jahre später. Die Geschichten wiederholen sich: Erst ein Ehebruch, in den eine schöne Frau verwickelt ist, dann ein Auftrag, der in die Irre führt, und schließlich eine Verschwörung, die die Zukunft der Stadt verändern soll. Und beide Male steht im Zentrum ein Mann, der seiner Vergangenheit nicht entfliehen kann: J. J. Gittes, genannt Jake, gespielt von Jack Nicholson. Für ihn hat Robert Towne CHINATOWN geschrieben, bei TWO JAKES hat er selbst Regie geführt.

Dies ist das Los Angeles der Wüstentäler und Orangenhaine, der Wasserkanäle und Ölpumpen. Zwei Dinge unterscheiden L.A. von anderen Orten, heißt es in TWO JAKES: ‚Unter der Wüste befindet sich Öl – und um sie herum liegt Wasser.‘ Und in Chinatown wird gesagt: ‚Wenn das Wasser nicht nach L.A. kommt, dann muß L. A. eben zum Wasser kommen.‘ Beides heißt nichts anderes, als daß die Wüstenei im San Gabriel- und San Fernando-Valley in profitablen Grund verwandelt werden soll. Und in beiden Fällen sind Wasser und Öl dicker als Blut.

Hier wie da treten die skrupellosen Grundstücksspekulanten im Aufzug vertrauenerweckender alter Männer auf. Wo einst John Huston in der Rolle des inzestuösen Patriarchen den Detektiv hinters Licht geführt hat, da spielt später Richard Farnsworth den Pionier, der vor nichts zurückschreckt. Gerade diese Sinnbilder einstiger Größe sind es, die das Land so von Grund auf verdorben haben, daß Ross McDonald den schönen Satz schreiben konnte: ‚Der blaugraue Dunst in der Tiefe des Canyons sah aus, als würden sie dort Stöße von Banknoten verbrennen.‘ Das ist die wahre Geschichte der Stadt, die Robert Towne erzählt.

Eine andere Geschichte verbirgt sich noch hinter diesen beiden Filmen, die der Freundschaft von Towne, Nicholson und dem Produzenten Robert Evans. Ursprünglich sollte Evans schon 1985 in The Two Jakes unter der Regie von Towne die Rolle von Harvey Keitel spielen, aber in letzter Minute entschied Towne, daß Evans doch nicht geeignet sei. Daraufhin sprang auch Nicholson ab. Der Film platzte, und die Freundschaft zerbrach. Es war Nicholson, der fünf Jahre später das Projekt wieder auf die Beine stellte und die Freunde notdürftig versöhnte.

Man kann es Towne noch nicht einmal verdenken. Er hat so oder so den kürzeren gezogen. So wie einst der Tod von Faye Dunaway eine Idee des Regisseurs Roman Polanski war, so war später das Ende eine Erfindung von Nicholson. Ursprünglich sollte die Geschichte nämlich in einem Schneesturm enden, der 1949 tatsächlich über Kalifornien gefegt ist. Wenn überhaupt, wird Towne den dritten Teil wohl selbst machen müssen.

CHINATOWN kostet in der Originalfassung 49,90 Mark, DIE SPUR FÜHRT ZURÜCK 39,95 Mark.

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