05. Dezember 1987 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Prick Up Your Ears

PRICK UP YOUR EARS, der neue Film von Stephen Frears

Das wahre Leben ist eine reine Erfindung. Ersonnen und erdacht von jenen, die aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Von Managern und Möchtegerns, Autoren und Angebern, Regisseuren und Rechthabern. Ob Erfahrungen oder Erinnerungen, sie laufen samt und sonders auf die pure Fiktion hinaus. Alles nur eine Frage der Strategie, man könnte auch sagen, der Inszenierung.

Aus dem schauspielversessenen John wurde Joe. Mit roten Socken, schwarzer Lederkappe und einem Stück in der Tasche, das sich wie früher Pinter las. Ob er denn das nächste Mal seinen Freund mitbringen dürfe, fragte er dann beim Abschied seine Agentin Peggy. Freund, meint er wirklich Freund? Oh, Darling, es sind doch düstere Zeiten für Männer, die Männer lieben. Der schüchterne Rebell und die skrupulöse Agentin haben sich gefunden. Haltungen und Pose sind überzeugend gespielt. Vielleicht ist kein Wort wahr, egal. Hauptsache, der Rahmen stimmt. Selbst dort, wo die Worte versagen, agiert Joe als brillanter Regisseur seines Lebens.

Wie auf ein verabredetes Zeichen hin, werden die Glühbirnen im Pissoir herausgeschraubt und im von oben hereinfallenden düster blauen Licht der Nacht feiern sie dort eine stumme schwule Orgie, ein Liebesfest anonymer Schatten, an deren Höhepunkt Joe leidend erlöst empor schaut. Ein bizarrer Moment, von Frears brillant in Szene gesetzt. Joe Orton hat sich ein Leben erfunden, um mit vollen Händen hineingreifen zu können. Und er lebte nicht schlecht damit.

Schnell gelebt und früh gestorben. Was blieb einem denn auch anderes übrig? Damals im Swinging London der sechziger Jahre. Als die Zeichen der Zeit so schwer zu deuten waren. Als Antonioni mit Vanessa Redgrave einen Film darüber drehte, ob das Photo eines Liebespaares im Park nun einen Mord zeigte oder nicht. Man sah den Filmen an, daß alles bunter, alles deutlicher, alles größer werden mußte. Vor allem die Gefühle. Es brauchte einen Allround-Blow-Up, der die Formen unkontrolliert wuchern ließ. Joe Orton, das Wunder- und Hätschelkind der Londoner Theaterszene, hat das nicht mehr erlebt. Er wurde am 9. August 1967 von seinem Lebensgefährten Kenneth Halliwell erschlagen, ehe dieser sich mit Tabletten selbst umbrachte. Blut und Dunkel. So fängt der Film an.

Der Briefkastenschlitz öffnet sich, ein Auge versucht einen Blick aufs Innere zu erhaschen. Auf uns, im Dunkeln. Am Ende wird der Film hierher zurückkehren, und man wird sich diesmal vom suchenden Auge betroffen fühlen. Man weiß, was passiert ist. Man hat es erlebt – die reine Erfindung. Gehörte das Auge am Anfang etwa dem Regisseur? War das sein Blick auf die Geschichte: durch den Briefkasten ins Dunkle? Man kann es sich vorstellen, was er dort sah. Er hat es wie der Photograph in Blow Up so lange vergrößert, bis sich die Teile des verschwommenen Bildes zu einer ganz eigenen Geschichte zusammenfanden.

Die Geschichte von Joe Orton ist doppelt und dreifach verschachtelt und dabei doch ganz simpel eingefädelt. Die Agentin Peggy Ramsay (Vanessa Redgrave als Sachwalterin der Sixties, immer noch etwas gedankenlos und sehr berechnend, eine Idee zu affektiert und ein bißchen anzüglich) kommt an den Tatort, verscheucht einen Polizisten und schnappt sich das intime Tagebuch des toten Dramatikers. So hat alles begonnen. Später kam dann der Amerikaner John
Lahr, um Ortons Biographie zu schreiben, die auf den Tagebüchern und auf der wiederum der Film basiert.

Das ist echt und es ist erfunden. Weil Stephen Frears – MEIN WUNDERBARER WASCHSALON (1985) und THE HIT (1984) – nichts darauf gibt, auf dieses Leben, sondern es sich ungeniert neu erfindet. Indem er die Recherchen von Lahr (Wallace Shawn, souverän vertrottelt wie immer) in seinen Film einbindet, spart er lästige biographische Umwege und kriegt damit gratis das ganze Material in die Hände gespielt: Der Film taugt vor allem deswegen als Orton-Biographie, weil er keine sein will. Das Verfahren ist dabei gar nicht so originell, aber gewaltig souverän gehandhabt.

PRICK UP YOUR EARS heißt „Spitz die Ohren“ – unter anderem. Verschleift man den Schluß zu Rears, so nimmt der Titel kein Blatt mehr vor den Mund. Hat er auch gar nicht nötig, denn schließlich ist dieser Film eine handfeste Angelegenheit. Wo sich Orton als Sau entpuppt, steht ihm der Film an Häme in nichts nach, wenn Orton auf sexuelle Abenteuer aus ist, folgt ihm der Film in die düstere Welt der schnellen Lust, und wie sich Orton in Marokko des Lebens freut, lacht der Film mit ihm. Ein Film wie ein Mann, keine Sache für zarte Gemüter.

Das wahre Leben ist die reine Qual – für die anderen. Kenneth (Alfred Molina) zog irgendwann die Konsequenzen. In dieser ungleichen Partnerschaft hat er es nicht aufnehmen können mit Orton (Gary Oldman), nicht an Talent und nicht an Unverschämtheit. Er war wie aus einer anderen Zeit, ein etwas greisenhafter Jüngling, ein hoffnungslos romantischer Dandy. Er hat den jungen John verführt, während im Fernsehen Elisabeth gekrönt wurde, hat ihm das Schreiben beigebracht und mit ihm die Klappentexte der Leihbücher zu Sauereien umgeschrieben. Dafür kamen sie beide ins Gefängnis. Danach war nichts mehr wie früher. Zehn Jahre lang hausten sie noch in dem düsteren kleinen Zimmer in Islington, ehe aus John Joe wurde und sein Ruhm Kenneths Schicksal besiegelte: als nörgelnde Ehefrau, Privatsekretär, Anhängsel. Erst im Tode, in der Urne, wurden sie wieder eins: von der Schwester penibel zusammengeschaufelte Asche. Und aus dem Hintergrund sagt die unbezahlbare Peggy: „Das ist nur eine Geste, Darling, kein Kochrezept.“ So endet der Film. Große Gefühle vielleicht, aber verdammt nüchtern gehandhabt. Dieser kleine Film packt sich nur so viel auf, wie er tragen kann. Er schweigt und zeigt, wovon er nicht erzählen, und beredet, was er nicht zeigen kann.

Weil er seine Figuren mit liebevoller Unbarmunbarmherzigkeit behandelt, und sie vor allem um so unbarmherziger er liebt, findet Frears in der Nüchternheit entwaffnend traumhafte Sequenzen. Da soll Joe für die Beatles ein Drehbuch schreiben, und eines Tages fährt vor dem heruntergekommenen Haus in Islington im strömenden Regen tatsächlich ein schneeweißer Rolls-Royce vor, um Orton zu einer Spazierfahrt mit Paul McCartney abzuholen. Kenneth schaut ihnen völlig durchnäßt nach, um dann von der Hauswirtin auch noch zu seinem aufregenden Leben beglückwünscht zu werden. Und wenn Joe zurückkehrt, wird sich Kenneth wieder aufregen und wieder später seine Worte im nächsten erfolgreichen Stück des Freundes wiederfinden. Reine Erfindung. Dabei prangt die Wand ihres Zimmers, diel Kenneth in den Jahren vollständig mit einer Collage aus Bildern und Photos überzogen hat, wie ein höhnischer Kommentar im Hintergrund. Das ist das wahre Leben – bloß eine Collage. Und dann kommt einer und löst wie aus einem Steinbruch die Brocken heraus, um sie zu verarbeiten. Wie Orton. Wie Frears. Denn das wahre Leben,
das kann man gar nicht erfinden.

(In München im Arena und Rottmann.)

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