06. März 1999 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Pleasantville

Die Liebe treibt es kunterbunt

Gary Ross bringt in seinem Film PLEASANTVILLE Farbe ins Grau des Fernsehserienalltags

Manchmal sind die einfachsten Ideen die besten (auch wenn sie dann schwierig umzusetzen sind) – und dafür scheint Gary Ross ein Spezialist zu sein. Als Drehbuchautor war er schon zweimal für den Oscar nominiert: erst für BIG, in dem ein Kind im Körper eines Mannes gefangen war, und dann für DAVE, in dem ein Jedermann in der Rolle des amerikanischen Präsidenten gefangen war. Nun geht es in seinem Regiedebüt PLEASANTVILLE um zwei Teenager, die in der heilen Schwarzweißwelt einer Fernsehserie aus den Fünfzigern gefangen sind. Woran man sieht, daß manche Ideen gut genug sind, um ihnen immer neue Seiten abzugewinnen.

PLEASANTVILLE heißt die Serie, mit der sich David Folge für Folge von seinen zerrütteten Familienverhältnissen und unsicheren Zukunftsaussichten ablenkt: Jeden Abend kommt der Vater mit den Worten „Honey, I’m home” aus dem Büro und wird von der Familie freudig mit einem Martini begrüßt – und auch der Rest ist eitel Sonnenschein. Diese durch keine Wolke getrübte gute Laune kennt man aus Serien wie VATER IST DER BESTE, MEINE DREI SÖHNE, ERWACHSEN MÜSSTE MAN SEIN oder, wer mit alten Serien nicht so bewandert ist, aus der TRUMAN SHOW, die verblüffenderweise dasselbe Thema spiegelverkehrt behandelt.

Wo Truman in Peter Weirs Film der einzige ist, der das Spiel nicht durchschaut, sind in PLEASANTVILLE die Geschwister David und Jennifer die einzigen, die den Durchblick haben. Wo Weir der Konflikt mit dem Schöpfer interessiert, werden hier die Produktionsbedingungen nicht hinterfragt. Die TRUMAN SHOW ist sicher der düsterere, intelligentere Film, aber Gary Ross’ Vision, wie die farblose Serienwelt zum Leben erweckt wird, besitzt einen ganz eigenen Zauber, der durchaus an die Filme von Frank Capra erinnert. Und wenn man so will, lautet auch seine Botschaft: „Ist das Leben nicht schön?”

Im Grunde lebt PLEASANTVILLE wie jedes Märchen vom guten Willen der Zuschauer, nicht wirklich hinter die Kulissen blicken zu wollen – sonst zerfällt der Film in seine Bestandteile. Wenn man aber akzeptiert, was er als Bedingungen vorgibt, dann gehört er zum Vergnüglichsten, was in diesem Jahr aus Hollywood kam. In jedem Fall macht er vor, daß das Nachdenken über die Beschränktheiten des Fernsehens nicht so eine emotionslose Angelegenheit sein muß wie LATE SHOW.

In PLEASANTVILLE sind alle gefangen in den fröhlichen Nichtigkeiten, die ihnen die Serie abverlangt, und funktionieren nur aufs Stichwort. Sobald die Teenager aus der Gegenwart sich nicht mehr an den Text halten, gerät die heile Welt aus den Fugen. Als zum ersten Mal ein Basketball der Schulmannschaft den Korb nicht mehr trifft, herrscht allerseits lähmendes Entsetzen. Und als Mutter einmal nicht mehr da ist, wenn Vater heimkommt, muß er sich fortan von Martini-Oliven ernähren, weil ihm nie etwas anderes abverlangt wurde. Das Leben verläuft in vorgezeichneten Bahnen, und wenn es einmal aus dem Gleis gesprungen ist, kommt es zum Erliegen.

Doch plötzlich kommt Farbe in diese schwarzweiße Welt, die keine Schatten kennt – und es ist wie ein Sündenfall. Als sich Jennifer mit dem Händchenhalten nicht zufriedengibt und Sex fordert, beginnt die trockene Welt zu erblühen. Erst ist es nur eine Rose, dann folgen Lippen, Gesichter, Gegenstände und schließlich ganze Szenen. Die Jugend steckt sich am schnellsten an, und am Ende schart sich die schweigende schwarzweiße Mehrheit um den Bürgermeister (J. T. Walsh in seiner letzten Rolle), um Stimmung gegen die „Farbigen” zu machen. Aber die Kraft der Gefühle, die sich in den Farben Bahn bricht, ist nicht zu stoppen.

Das alles lebt von groben Strichen und grellen Farben, verzaubert aber auch jene Kleinigkeiten, die wir für selbstverständlich halten. Natürlich ist die farbige Variante nicht wesentlich welt- oder gegenwartshaltiger als der Serienentwurf, aber das könnte man auch Capras Märchen vorhalten. Und vor allem: Wie oft kann man sagen, daß über einem Bild von Matisse oder Picasso, nur weil es farbig ist, die Tränen in die Augen steigen?

PLEASANTVILLE, USA 1998 – Regie und Buch: Gary Ross. Kamera: John Lindley. Ausstattung: Jeannine Oppewall. Musik: Randy Newman. Darsteller: Tobey Maguire, Reese Witherspoon, Joan Allen, William H. Macy, Jeff Daniels, J. T. Walsh. Concorde. 121 Minuten.

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