17. Dezember 1993 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Passion Fish

PASSION FISH von John Sayles

Zeit der Wünsche

Das Messer fährt in den Fisch und schneidet ihn an der Unterseite auf. Eine Hand greift hinein und holt die Innereien heraus. Aus einer Blase befreit sie zwei kleinere Fische. Die beiden Frauen ekeln sich ein wenig vor den glitschigen Tieren. Aber der Mann erzählt: Wenn man sie in die Hand nimmt, ganz fest zudrückt und dabei an jemanden denkt, den man liebt, dann geht diese Liebe in Erfüllung. Passion Fish, ein alter Brauch bei den Cajuns, den Leuten in den Sümpfen Louisianas.

Ob die beiden Frauen zudrücken oder ob gar ihre Wünsche in Erfüllung gehen werden, das erzählt der Film nicht. Aber das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig, weil es in PASSION FISH vor allem darum geht, daß May Alice und Chantelle wieder lernen, überhaupt Wünsche zu haben. May-Alice (Mary McDonell) war Star einer Seifenoper, bis ein Unfall sie lähmte. Der Film beginnt damit, wie sie bei laufendem Fernseher erwacht. Man sieht, welches Bild diese Frau von sich hat, und kann sich vorstellen, daß sie lernen muß, sich selbst ganz neu zu sehen. Später wird sie anfangen, ihre eigene Umgebung zu photographieren.

May Alice zieht in ihr Elternhaus im Süden von Louisiana zurück, betäubt sich mit Fernsehen und Alkohol und verschleißt eine Krankenpflegerin nach der anderen. Bis Chantelle (Alfre Woodard) kommt, die nicht viel redet, eine scharfe Zunge und einen trockenen Humor hat, der dem von May-Alice in nichts nachsteht. Chantelle bringt May-Alice langsam zur Ruhe und Vernunft. Dabei hat sie selbst genügend Probleme: Sie war drogenabhängig und hat das Sorgerecht für ihre Tochter verloren. Jetzt arbeitet sie, um zu vergessen. Und weil auch May-Alice vergessen will, gewinnt der Film eine enorme Präsenz.

Für Buch, Regie und Schnitt ist John Sayles in PASSION FISH verantwortlich. Schon darin zeigt sich sein Wille zur Unabhängigkeit und die Vielfalt seiner Talente. Als Drehbuchautor für Roger Corman hat er angefangen und Stoffe wie PIRANHAS und DER HORROR ALLIGATOR geschrieben. Gleichzeitig hat er Preise für seine Kurzgeschichten gewonnen und mittlerweile fünf Romane verfaßt. Zur Autorenschaft seiner Filme hat er einen ganz unverkrampften Zugang; er begreift sie weniger stilistisch als pragmatisch. Je mehr er selbst macht, desto billiger und unabhängiger kann er arbeiten.

Daß sich Sayles nicht leicht festlegen läßt, sieht man auch daran, daß er immer wieder mit neuen Kameramännern arbeitet. Haskell Wexler, Robert Richardson und jetzt Roger Deakins gehören zu den Besten ihrer Zunft. Dabei fällt auf, daß in Sayles Filmen stets der Kampf von Hell und Dunkel betont wird. In pASSION FISH ist das Ringen des Lichts gegen die oft übermächtigen Schatten am deutlichsten, wenn das Haus, in dem sich May Alice einigelt, immer düsterer wird, bis Chanteile wieder Helligkeit in die Räume trägt.

Immer wieder geht es bei Sayles um den Verlust der Unschuld durch Korruption. In den frühen Büchern war das die Natur, die durch Verschmutzung Monster gebiert, später waren es dann Gemeinschaften, die sich gegen den Zerfall behaupten müssen. In „Matewan“ erzählte Sayles von der Niederschlagung eines Minenarbeiterstreiks in West-Virginia, in EIGHT MEN OUT vom Baseball Skandal, bei dem die Chicagoer White Sox die Meisterschaft verkauften, was allgemein als Ende der Unschuld dieses sauberen Sports betrachtet wird. In CITY OF HOPE entwarf er das Portrait einer beliebigen amerikanischen Stadt, in der alles mit allem und jeder mit jedem zusammenhängt. Durch die aufrechte Art, mit der das Individuum bei ihm nach Glück und Freiheit strebt, ist Sayles’ Kino auf angenehm altmodische Weise amerikanisch.

May-Alice und Chantelle haben ihr Spiel mit dem Ernst des Lebens getrieben und sich selbst dabei verloren. Um sich wieder zu finden, müssen sie erst einmal reinen Tisch machen. Sie müssen reden lernen, sehen lernen, leben lernen. Das Haus am Rande der Sümpfe bildet dafür den perfekten Hintergrund.
Das Drehbuch zu PASSION FISH, das so geschickt im Mainstream mitschwimmt, hat mit Sicherheit noch nichts ahnen lassen von der Schönheit, mit der diese Geschichte von Sayles in Szene gesetzt ist. Sie scheint sich ganz dem milchigen Licht des Südens und dem trägen Fließen des trüben Wassers in den Sümpfen hinzugeben. Da gibt es das Blau einer Bar oder das Rot des Photolabors, das Flackern des Fernsehers und die Sonne, die durch die Alfalfabäume bricht.

Und es gibt jene Fahrt zu dritt hinaus in die Sümpfe, die zu den schönsten Kinoszenen dieses Jahres gehört. Zur Cajunmusik sieht man das Boot seine Bahn durchs Wasser ziehen, an Flora und Fauna vorbei. Ein unglaubliches Ballett von Gesichtern und Landschaften hat Sayles da inszeniert, indem er die Bilder doppelt und dreifach überblendet. Ganz langsam scheinen sie zu vergehen, als wollten sie sich nicht von der Netzhaut lösen. Und manchmal ist es, als könnte man das Herz des Films schlagen sehen.

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