18. Dezember 1993 | Süddeutsche Zeitung | Fernsehen, Rezension | Wild Palms

22:00 RTL 2 Mit einem Nebensatz fing alles an: Ganz beiläufig ließ Bruce Wagner 1988 den Helden seines Hollywood-Romans „Force Majeure“ anmerken, ihm gefalle die Wortkombination WIL PALMS. Einen Grund nannte er nicht. Vielleicht war es der Klang, vielleicht der Kontrast, vielleicht die Vorstellung. Mit William Faulkners gleichnamigem Roman hatte es auf jeden Fall nichts zu tun.

Wilde Palmen. Das kann der Regen sein, der die steifen Blätter zum Wogen bringt, der Wind, der die gefächerten Blätter zu Peitschen macht, oder einfach die Phantasie, die die dekorativen Bäume in Ekstase versetzt. Wild Palms, das ist also eine Improvisation zu einer versteckten Bemerkung, die wohl kaum jemandem aufgefallen ist, der den Roman bei seinem Erscheinen gelesen hat und also nicht wissen konnte, daß dessen Autor später daraus den Titel seiner ersten Fernsehserie machen würde.

Alles an Wild Palms ist Versprechen, Verheißung, Verführung. Auf dem Signet der Serie wendet eine Nackte dem Betrachter den Rücken zu, auf den eine riesige windgepeitschte Palme tätowiert ist, deren Krone die ganze linke Schulter bedeckt. Man sieht die schwarze Pagenfrisur der Frau und ihre an einer Wand abgespreizten Finger, sonst nichts. Ein Bild, von dem man nicht weiß, ob es Lust oder Furcht oder beides signalisiert. Ein Signet also, das vor allem Appetit auf diese Serie und ihr Geheimnis macht.

Bruce Wagner also, der erst durch seinen hierzulande nicht übersetzten Roman Force Majeure und dann durch seine Heirat mit der Schauspielerin Rebecca De Mornay in Amerika zu Ruhm kam, hatte in dem Magazin Details zusammen mit dem Zeichner Julian Allen eine Comic- Serie veröffentlicht, die WILD PALMShieß. Bei der amerikanischen Fernsehgesellschaft ABC dachte man bald an eine Verfilmung und gewann dafür als Produzenten Oliver Stone, der zehn Millionen Dollar und freie Hand bekam. Als Regisseure hat er dafür Peter Hewitt, Keith Gordon, Kathryn Bigelow und PhilJoanou verpflichtet. Das Ergebnis ist die knapp sechsstündige Fernsehserie WILD PALMS, die bis Montag jeweils um 22 Uhr RTL 2 mehr Renommée verschaffen soll.

Palmen wiegen sich schon in den ersten Bildern, aber ihr Geheimnis geben sie bis zum Schluß nicht preis. WILD PALMS heißt das Medien-Konglomerat, das in dieser Geschichte die Weltherrschaft erringen will – und eine kleine wilde Palme ist auch das Signet, das die Verschwörer versteckt zwischen Daumen und Hand eintätowiert haben. Vielleicht ist es das Beste, sich einfach wie der Held von Wagners Roman vom Klang der beiden Worte verführen zu lassen.

Verstehen? Unmöglich

Es beginnt mit einem Traum des Anwalts Harry Wyckoff (James Belushi), der aus seiner Villa tappt und sich einem Nashorn gegenübersieht. ‚Das ist Glück‘, murmelt er und hört im nächsten Moment seinen Sohn um Hilfe schreien. Glück oder Unglück? Traum oder Alptraum? Am Ende macht das keinen Unterschied. Das ist die wahre Geschichte, die diese Serie erzählt.

Wunderliches widerfährt dem Anwalt in der Folge immer wieder. Was nicht weiter erstaunlich ist, wenn man hört, was Bruce Wagner auf die Idee zu dieser Serie gebracht hat: ‚Eines Tages war ich auf der Melrose Avenue in einem Trendladen namens L.A. Eyeworks, und da kam mir folgender Gedanke: Was wäre, wenn ein paar betuchte Typen hier reinkämen, irgendjemanden mit Gewalt aus dem Laden zerren würden, und die anderen Kunden einfach so täten, als ob nichts passiert wäre?‘ Da trifft sich die Phantasie des Autors mit den paranoiden Vorlieben des Produzenten Stone.
Große Verschwörungen sind auch bei Wild Palms im Gange. Erfindern ist es gelungen, dreidimensionales Fernsehen zu verwirklichen, bei dem die Projektionen von der Wirklichkeit kaum mehr zu unterscheiden sind. Mit Hilfe dieser Neuheit, deren Wirkung in der Folge noch durch die Droge Mimezine verstärkt wird, versucht jenes Medien-Konglomerat Wild Palms unter der Leitung des Senators Anton Kreutzer (Robert Loggia) das Fernsehen, das Land, den Präsidentenstuhl, die Welt zu erobern. Den Beginn soll die Fernsehserie Church Windows machen. Aber es gibt eine Gruppe unter der Leitung des Irrenhaus-Insassen Eli Levitt (David Warner), die sich Die Freunde nennt und das zu verhindern sucht. Der Wahnsinn hat hier also Methode, und so vermischen sich Realität und Virtuelle Realität, Traum und Wirklichkeit.

Man sieht die Frau des Anwalts (Dana Delaney) immer wieder Puzzle zusammensetzen. Aber das führt auf eine falsche Fährte, denn in dieser Serie ergeben die Puzzlestücke kein vollständiges Bild mehr. Aber schließlich hat auch Howard Hawks, als er mit Bogart THE BIG SLEEP drehte, zugegeben, daß er die Handlung selbst nie wirklich verstanden hat. Und als David Lynch und Mark Frost mit TWIN PEAKS anfingen, hatten sie auch noch keine Ahnung, wer Laura Palmer umgebracht haben soll. Und auch WILD PALMS stellt mehr Fragen, als es Antworten gibt. Die Schönheit der Serie liegt in ihrem Geheimnis, nicht in dessen Auflösung. Und in solchen Stars wie der wunderbaren Angie Dickinson.

Die Zukunft des Fernsehens will die New York Post in dieser Serie gesehen haben. Das stimmt insofern, als sie ganz auf Zapper zugeschnitten ist. Man kann einschalten, wann man will, man wird immer genauso viel verstehen wie jene, die von Anfang an dabei sind – nämlich Bahnhof.

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