13. Dezember 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Nächtliches Indien

Ich ist ein anderer

Alain Corneau verfilmt Tabucchi: NÄCHTLICHES INDIEN

Ohne Rahmen, sagt Tabucchi, ist das Sichtbare immer etwas anderes. Mit Rahmen, antwortet das Kino, wird das Andere erst sichtbar. Darum geht es in diesem indischen Nachtstück: Um die feine Linie, die durchs Sichtbare gezogen wird, um das Unsichtbare zu erschaffen. Und darum, daß man sich nie ganz sicher sein kann, auf welcher Seite dieser Grenze man sich gerade befindet. So treiben das Buch und der Film ihr Spiel mit dem Sein und dem Schein.

Ein junger Mann kommt nach Indien, um einen Freund zu suchen. In Bombay trifft er das Mädchen, das ihn benachrichtigt hatte. Sie erzählt ihm von seltsamen Geschäften, von einer Krankheit, vom Verschwinden. Es gibt eine Spur, die nach Goa führt, sonst nichts. Der Film folgt dem jungen Mann dorthin, durch Hotels und Bahnhofshallen, in Zügen und Autobussen. Von einer Begegnung zur nächsten treibt ihn die Suche, aber seinem Ziel kommt er dabei nicht näher, Im Gegenteil: Je deutlicher die Anhaltspunkte für den Verbleib des Freundes werden, desto weiter scheint er sich zu entfernen. Die Perspektiven verkehren sich: Die Fluchtlinien der Geschichte laufen nicht in einem Punkt am Horizont zusammen, sondern bewegen sich auseinander. Auf diese Weise ist nicht der Gesuchte das Zentrum, auf das die Geschichte hinsteuert, sondern der Suchende. Er hatte sich selbst gesucht.

Rossignol nennt sich der junge Mann. Nightingale, so findet er heraus, ist der Name, den sein Freund angenommen hat. Übersetzt heißt beides Nachtigall. So fallen die beiden Figuren zusammen. All die seltsamen Begegnungen, die sich auf der Spur des Freundes ergeben, sind nur Stationen auf dem Abstieg in eigene Identität. Er sei ein Nachtvogel geworden, hatte der Freund in einem Brief hinterlassen. Das ist der Weg des Films: aus dem klaren Licht des Tages in die düstere Welt der Nacht. Das Buch, hatte Tabucchi geschrieben, sei das Ergebnis von Schlaflosigkeit. Und im Grunde ist die Reise nur eine Flucht vor den Phantomen des Nacht, vor den Ungeheuern, die den Schlafenden im Traum heimsuchen. Der junge Mann scheut die Begegnung mit sich selbst. So verlegt er seine Abgründe in eine andere Person, die zu suchen er nur vorgibt. Ich, behauptet er, ist ein anderer.

Wenn man einen Papierstreifen einmal verdreht und dann an den Enden zusammenklebt, wird daraus ein endlos geflochtenes Band. Es gibt darauf kein Innen und Außen mehr, sie sind ununterscheidbar verflochten. So muß man sich den Film vorstellen. Alain Corneau verdeutlicht das, indem er Tabucchis Lieblingsautor Fernando Pessoa zitiert: „Wir haben alle zwei Leben. Das wahre, von dem wir als Kind geträumt haben und das wir unter der Oberfläche leben, und das falsche, das wir täglich leben und das uns unter die Erde bringt.“ Und je starrer die Kamera dabei auf diese Welt blickt, desto heftiger beschwört sie jene andere Welt.

Jean-Hugues Anglade, den man aus DER VERFÜHRTE MANN, BETTY BLUE und NIKITA kennt, spielt den occidental tourist, den Nachtvogel. Sein Gesicht ist dabei ständig in Bewegung, ein leicht angespanntes, unsicheres Lächeln umspielt seine Mundwinkel und ein kaum merkliches, nervöses Zucken seine Augen. Die Schlaflosigkeit eines Reisenden liegt auf seinen Zügen, diese ungesunde Wachheit, in der die Wirklichkeit auf einmal ihre Gestalt verändert, wo alles wie immer aussieht, aber auf einmal gespenstisch wirkt.

Anglade verschafft dem Film die Offenheit, die bei der Umsetzung der strengen Konstruktion der Vorlage in Bilder leicht hätte verlorengehen können. Daß es sich bei Film und Buch um ein nocturne, ein Nachtstück handelt, muß man wie so vieles wörtlich nehmen. Es handelt von der sonnenabgewandten Seite des Lebens, von einem Reich, in dem man den eigenen Gespenstern und den eigenen Träumen begegnen kann. Und es erzählt vor allem davon, daß es ein wahres Leben im falschen gibt.

(In München im Isabella.)

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