07. Dezember 1990 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Metropolitan

METROPOLITAN von Whit Stillman

Diesseits von Eden

Park Avenue, Upper East Side Manhattan. Feine Gegend, sehr feine Gegend. Hier weiß man, wer man ist. Es sei denn, man weiß es nicht, weil man darüber noch nie nachdenken mußte. Davon erzählt METROPOLITAN: vom Erwachen der Jeunesse doree aus ihrem goldenen Schlaf. Ein Minderheitenfilm also.
Es ist die Zeit der Weihnachtsferien. New York ist kalt, das Verhältnis zu den Eltern noch kälter. Also klammert man sich aneinander, als stünde man auf dem Vergnügungsdeck der Titanic. Man trifft sich jeden Abend, geht auf Bälle oder trinkt Cocktails. Man übt sich in gepflegter Unterhaltung und noch gepflegterer Langeweile. Das Äußerste an Spaß ist eine Runde Strip Poker, aber auch da ist bei der Unterwäsche Schluss METROPOLITAN ist ein Film über Leute, die sich nicht sicher sind, ob sie dürfen, was sie wollen, und noch weniger, ob sie überhaupt wollen, was sie dürfen.

Whit Stillman zeichnet sein Portrait einer Gruppe zukünftiger Erbschaftssteuermillionäre mit einer Sympathie, die alle Klischees zersetzt. In METROPOLITAN gibt es einen Sinn für die Angst, den Schmerz und die Trauer hinter der Langeweile, der den Witz schärft. Immer wieder ergeben sich Momente der Einsamkeit, in denen sichtbar wird, wie dünn das Gewebe der Freundschaft in dieser Clique ist. Man drückt sich ein letztes Mal vor den Entscheidungen, die im Grunde längst schon getroffen sind. Das ist so traurig, wie es das Ende der Jugend immer nur im Kino ist.

In METROPOLITAN findet der Abschied allerdings unter umgekehrten Vorzeichen statt. Die Jungs werden nämlich von der schrecklichen Vorahnung gequält, dies könnte schon alles gewesen sein. Weil von dort, wo sie geboren sind, alle Wege nach unten führen. Sind wir zum Versagen verdammt? fragt einer. Nein, antwortet ein etwas Älterer, den sie in einer Bar treffen, nein, wir versagen, ohne dazu verdammt zu sein. Da sind Tom und Charlie, die beiden Konkurrenten um Audreys Liebe, längst von allen verlassen worden im weihnachtlichen New York. Die Freunde haben Verpflichtungen, die Mädchen vergnügen sich mit anderen Männern, die offenen Türen sind auf einmal verschlossen.

So tun sich die beiden Jungs in ihrer Verzweiflung zusammen und machen sich ohne Auto auf nach Long Island, wo sie Audrey aus den Armen eines berüchtigten Herzensbrechers befreien wollen. Aber als sie Audrey finden, liest sie nur Jane Austen, und ihr vermeintlicher Verführer ist ganz froh, sie wieder loszuwerden. Das ist trotzdem ein rührender Schluß, weil sich alle endlich einmal so verhalten, wie es ihren Gefühlen entspricht.
New York kann sehr kalt sein. Tom (Edward Clements), der ganz zufällig zu der Gruppe stößt, hat zwar einen Vater in der Park Avenue, lebt aber mit seiner Mutter auf der West Side. Wenn die anderen sich ein Taxi nehmen, muß er zu Fuß gehen. Denen, die ihn wegen seines dünnen Mantels bemitleiden, versichert er immer wieder, er sei gut gefüttert. Das verstärkt in dem Film noch den Kontrast zwischen Wärme und Kälte, zwischen Innen und Außen, Dazugehörigkeit und Außenstehen. Stillman sagt dazu: „Statt einen grobkörnigen Film über irgendein grobschlächtiges Thema zu machen, wollte ich die eleganteste mögliche Manhattan-Geschichte filmen. New York ist am schönsten zwischen Thanksgiving und Weihnachten, und so bekamen wir eine Kulisse, die Millionen wert ist, praktisch für umsonst.“

Die „eleganteste mögliche Manhattan-Geschichte“ ist ihm gelungen. Auch wenn die Menschen bei ihm nie aus dem Fenster schauen. Als befürchteten sie, sie könnten daran erinnert werden, wie tief es da nach unten geht.

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