25. Juli 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Matador

Überschwemmung des Herzens

MATADOR, ein Film von Pedro Almodovar

Ein gewaltsamer Tod in der Badewanne. Man sieht den Schnitt des Rasiermessers lund die toten Augen einer Frau unter Wasser. Wie eine Wolke schiebt sich das Blut ins Bild, im bläulichen Schimmer des Fernsehbildes scheint es dunkel violett. Dann folgen weitere Tode auf Video und kurze Blicke auf den erregten Betrachter. Eine Serie von kurzen Schocks, die brutal Sex und Tod miteinander verbinden und das Thema anschlagen, das der Film im weiteren Verlauf in glühenden Farben ausmalen wird. Der Anfang lotet nur die Abgründe aus, über denen sich diese lei-denschaftliche und oft sehr zärtliche Geschichte spannt. Sie handelt von der Liebe bis in den Tod. Der Titel Matador er¬scheint in leuchtendem Rot. Das sagt schon alles.

Am Rande des Nervenzusammenbruchs spielen alle Filme von Pedro Almodovar. Aber in keinem ist die Überspanntheit so kontrolliert in Erzählung umgeschlagen wie in Matador, der 1986 entstanden ist. Es geht um einen ehemaligen Matador, seine Freundin, seinen Schüler und dessen Anwältin. In diesem Rechteck der Leidenschaften herrschen verstärkte Anziehungskräfte; es ist eine Welt der fatalen Attraktionen. Alle Figuren scheinen darin von einem Fieber befallen, das mit der Erwartung einer Sonnenfinsternis einhergeht. Am Ende wird sich im düsteren Glühen der verdunkelten Sonne atemlos das Schicksal der Liebenden vollziehen. Auf immer und ewig.

Wo das Gesetz der Begierde regiert, hat die Vernunft nichts verloren. Um seinem Lehrer Diego zu beweisen, daß er ein Mann ist, versucht Angel ausgerechnet dessen Freundin Eva zu vergewaltigen. Nach einem gescheiterten Versuch zeigt er sich selbst bei der Polizei an. Zwar verzichtet das Opfer auf eine Anklage, aber dafür gesteht Angel, um endlich ernst genommen zu werden, eine Reihe von Morden, die er nicht begangen hat. Von Angels Unschuld überzeugt, sucht seine Anwältin Maria den Matador Diego auf. In ihm findet sie dabei den Schlüssel für ihre Obses¬sionen, einen Mann, der vom Tod und Töten so besessen ist wie sie selbst. Mordlust und Todestrieb verbinden, was mit einer atemberaubenden Parallelmontage von Anfang an füreinander bestimmt war. Da sieht man, wie der Matador seine Schüler trainiert und wie gleichzeitig die Anwältin einen Mann verführt. Die Bewegungen des Stierkampfes gehen über in die des Geschlechtsaktes, das Ritual von Erregung und Auskosten verbindet die beiden Szenen. Geschickt montiert Almodovar diesen Reigen aus Hingabe und Auslöschung, in dem Maria mit einer Haarnadel an ihrem Liebhaber vollendet, was die Schüler beim Training nur erproben können. Eine unerwartete Schönheit besitzt die Gewalt in disem Film, eine rituelle Künstlichkeit, die aus dem Sterben eine schöne Kunst macht.

An Filmen, in denen Männer mit Engelsgesicht „Angel“ und leidenschaftlich schöne Frauen „Maria“ heißen, gibt es nichts zu deuten. Almodovar nimmt die großen Gefühle beim Wort und sucht die großen Gesten. Seine grelle Melodramatik hat ein neues spanisches Kino begründet, das dem veränderten Bild dieses Landes mit seinen modernen Metropolen entspricht. Aber in all dem bunten Ringen der Herzen gibt es auch ganz lichte Momente, in denen stumme Blicke mehr erzählen als das ganze Gewitter der Emotionen. Da hebt Angel den Blick zum Himmel, sieht die Wolken ziehen und wird von einem Schwindel befallen, als ahne er plötzlich, was auf ihn zukommt. Tatsächlich besitzt er seherische Fähigkeiten, die die Polizei auf die Spur des mörderischen Pärchens bringen. Ich sehe was, was du nicht siehst, sagt auch Almodovar: Und das ist rot.

(In München im Arena und Rottmann.)

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