27. Juli 1990 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Leningrad Cowboys go America

LENIBGRAD COWBOYS GO AMERICA von Aki Kaurismäki

Das Sein und das Nichts

Die Finnen sind ein seltsames Volk. Sie reden nicht viel, aber trinken um so mehr. Das ist keine schlechte Voraussetzung für eine Band, die mit Rock’n Roll die Welt erobern möchte.

Nachdem aber die Leningrad Cowboys nur deswegen Musik machen, weil es außer Saufen und Schweigen nicht viel zu tun gibt, sind sie eine sehr schlechte Band. Welche Musik sie spielen, ist ihnen egal, solange es etwas zu trinken gibt. In New York spielen sie Punk, in Texas Country und in Mexiko mexikanisch. Immer etwas anderes und immer schlecht. So sind Finnen.

In guten Musicals erzählen die Musikeinlagen die Geschichte des Films. Sie drücken all das aus, was die Sprache nicht fassen kann. In LENINGRAD COWBOYS GO AMERICA erzählen die Songs nichts. Dieser Film ist ein finnisches Musical. Er kommt aus einem Land, von dem es nichts zu erzählen gibt. Das Schweigen bei Kaurismäki ist nicht beredt, es ist leer. Das ist der Witz an LENINGRAD COWBOYS.

Die Cowboys gehen nach Amerika. Zurück lassen sie die Tundra und ihre Traktoren. Ihren Bassisten, der nachts im Feld erfroren ist, packen sie in einen Sarg und nehmen ihn mit. Sie tragen schwarze Anzüge, sehr spitze Schuhe und noch spitzere Haartollen. Nur ihr Manager läuft im Pelzmantel herun. Er hat das Sagen, handelt die Auftritte aus und kassiert das Geld. Die anderen folgen ihm und schweigen. So fahren sie in einem großen weißen Cadillac von New York nach Mexiko, von Auftritt zu Auftritt. Nur manchmal, wenn sie frei haben, stehen sie am Rande eines Feldes und sehen einem Traktor zu, wie er seine Bahnen zieht. Sie erleben in Amerika keiie schöne neue Welt, sondern nur die altbekannte Leere.

LENINGRAD COWBOYS GO AMERICA ist reinster Slapstick, nur ohne Bewegung. Alle physische Dynamik ist zu Formen erstarrt. Der Moment, in dem im Slapstick einer auf der Banare ausrutscht, ist hier im sonderbaren Äußeren der Cowboys festgeschrieben. Das Absurde ist zum Dauerzustand geworden. Es gibt nichts zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren.

Die Seelenruhe, mit der Kaurismäki den Weg seiner Band verfolgt, verführt deshalb gleichzeitig zu brüllendem Gelächter und tödlicher Langeweilt. Die absurden Figuren sind entweder furchtbar witzig oder einfach nur dämlich Keiner verliert je ein Wort über sie, nie nand fragt nach Erklärungen, jeder nimmt die Dinge, wie sie kommen. Die völlige Sinnlosigkeit dieser Reise macht ihren Sinn aus.

Kaurismäki hat alle Formen des Erzählens aufs Nötigste reduziert. Vorzüge und Mängel des Films liegen deshalb auf der Hand. Kaurismäki beschränkt sein Endspiel nicht auf den engsten Raum, sondern läßt ihm freien Lauf. Wohin man geht und sieht, begegnet man nur der Absurdität des Nichts. Der Film erzählt wirklich überhaupt nichts, aber das mit bemerkenswerter Konsequenz. Man sieht, man zahlt, man nimmt, man verliert, man geht, man bleibt stehen. So ist das Leben. Wer etwas anderes glaubt, der muß wohl träumen.

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