29. Januar 1998 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Marius und Jeannette

Midi maximal

Liebestreiben in Marseille: 
MARIUS UND JEANETTE

Eine Szene genügt: Als Jeannette nach einem völlig mißratenen ersten Mal Marius zum zweiten Mal begegnet ist, blickt sie ihm versonnen hinterher – und Robert Guédiguian zeigt, was sie sich dabei so zusammenphantasiert: wie sie mit Marius zu Walzermusik im Sonnenuntergang am Meer steht. Das ist so ungefähr das Schrecklichste, was ein Regisseur machen kann.

Erstens ist es völlig unnötig, so früh im Film zu zeigen, was man bestenfalls ahnen soll. Und zweitens sind Sonnenuntergang, Meeresstrand und Walzermusik als Sinnbilder fürs Glück ohnehin strengstens verboten. Und das ist nicht der einzige Verstoß gegen den guten Geschmack des Filmemachens. Das Wunder aber ist, daß man dem Film nahezu alles verzeiht. Die Geschichte des Paares, das alt genug ist, sich nichts mehr vormachen zu müssen, funktioniert aller Abgeschmacktheiten zum Trotz. Womöglich sogar deswegen: weil man eine Aufrichtigkeit am Werke spürt, die keine inszenatorischen Mätzchen nötig hat.

Robert Guédiguian ist in jenem Marseiller Arbeiterviertel L`Estaque geboren, dessen Vitalität er nun schon zum siebten Mal besingt. Er macht also eine Art Nachbarschaftskino, in dem die großen Sorgen der kleinen Leute stets ihren Trost in der Solidarität finden. Politisch ist sein Film, weil er nicht nur von den Problemen dieser Leute, sondern auch von ihrem Zusammenleben erzählt.

Wie sich die energische Kassiererin und der schweigsame Nachtwächter finden, ist die eine Geschichte. Noch ergreifender ist aber die andere, die von ihren Nachbarn und Freunden erzählt. Da wird eine Idylle beschworen, wie sie nur unter der Sonne des Midi denkbar ist.

MARIUS ET JEANNETTE, F 1997 – Regie: Robert Guédiguian. Buch: Guédiguian und Jean-Louis Milesi. Kamera: Bernard Cavalié. Schnitt: Bernard Sasia. Darsteller: Ariane Ascaride, Gérard Meylan. Verleih: Arsenal. 102 Minuten.

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