08. Januar 1998 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Das Leben ist ein Spiel

Gute Filme, schlechte Filme

Claude Chabrols 50. Werk: DAS LEBEN IST EIN SPIEL

Wenn ältere Herren Filme drehen, dann darf man darauf gefaßt sein, daß sie das Ganze nicht mehr so ernst nehmen. Wenn Claude Chabrol, der das Kino noch nie so ernst genommen hat, heute einen Film dreht, dann ist das also ein doppeltes Vergnügen. Ein echter Jubiläumsspaß.

Eine Hotelbar. Eine Vertretertagung. Jede Menge Männer, eine Frau. Die Aufreißer am Tresen lecken sich schon die Lippen. Aber die Gunst der Dame fällt ausgerechnet auf den Harmlosesten von allen, der kaum weiß, wie ihm geschieht. Sie fackelt nicht lange und fragt, ob sie mit aufs Zimmer kommen könne. Der Mann willigt ein. Den Aufreißern ist das Lachen vergangen.

Im Zimmer tut die Dame ihm ein Schlafmittel ins Glas, verschwindet ins Bad, um sich frisch zu machen, raucht dort eine Zigarette. Als sie zurückkommt, ist der Mann eingeschlafen. Dann läßt sie ihren Komplizen herein. Man leert die Brieftasche, aber läßt genug zurück, um dem Opfer den Gang zur Polizei zu erschweren.

Inzwischen hat man unter der schwarzen Perücke Isabelle Huppert erkannt, und das Zusammenspiel mit Michel Serrault tut ein übriges, um dem Gaunerstück das Einverständnis des Zuschauers zu sichern und ihn zum Komplizen zu machen. Wie man gegen die Gesetze verstößt und dennoch die Form wahrt, haben einst Regisseure wie Blake Edwards oder Stanley Donen vorgeführt. Ihrem Motto würde sich Chabrol im Zweifelsfall sofort anschließen: Das Kino ist ein Spiel.

Wenn das Credo der Nouvelle Vague war, mit schönen Frauen schöne Dinge zu machen, dann galt für Chabrol immer eher: Filme machen heißt, mit guten Freunden gute Sachen essen. Der kulinarische Aspekt der Kollaboration war ihm stets wichtiger als der strenge Autorenblick. Das führte dazu, daß seine Filmographie weniger beständig ist als die seiner Zeitgenossen. Unter den 50 Arbeiten halten sich gute und schlechte Filme zwar nicht die Waage, aber es gab bei ihm sicher mehr Ausrutscher als bei anderen Regisseuren seines Rangs. Andererseits schienen sie bei ihm auch verzeihlicher, weil er sich nie ernster als unbedingt nötig nahm.

Wo Chabrol früher hinter dem diskreten Charme der Bourgeoisie jede Menge Gaunereien entdeckt hat, da findet er diesmal im Leben des Gaunerpärchens allerlei bourgeoise Verhaltensmuster. Der ältere Herr und seine jüngere Komplizin betreiben ihr Gewerbe mit einer Wohlüberlegtheit, die jedem Angestellten alle Ehre machen würde. Und ihre Beziehung ist von einer Leidenschaftslosigkeit, die jedem älteren Ehepaar gut zu Gesicht stünde. Aber gerade wenn man dem Paar und seinem Regisseur auf die Schliche gekommen zu sein scheint, verliert man schon wieder den Boden unter den Füßen.

Mit einem Mal blitzt Eifersucht auf, und der Einsatz in diesem Spiel erhöht sich beträchtlich. Plötzlich mischen andere mit, und im Nu geht es nicht nur um sehr viel mehr Geld, als Vertreter mit sich führen können, sondern buchstäblich um Leben oder Tod. Bald weiß keiner mehr so recht, wer eigentlich wen betrügt. Und der Zuschauer, der sich behaglich in seiner Komplizenrolle eingerichtet hat, sitzt auf einmal in der Falle.

Claude Chabrol feiert seine goldene Hochzeit mit dem Publikum und sorgt dafür, daß die Liebe nicht einschläft. Er sorgt immer wieder für Überraschungen, und sei es nur, daß sein nächster Film schon wieder nicht mehr so gut sein wird wie dieser. Der Originaltitel RIEN NE VA PLUS bedeutet ja nicht, daß nichts mehr geht, sondern daß es jetzt erst richtig losgeht: Die Einsätze sind gemacht, aber der Ausgang ist noch ungewiß.

Wenn man aus diesem Film kommt, fühlt man sich jedenfalls so beschwingt, daß man gleich einen Juwelierladen ausrauben möchte. Das ist doch was.

RIEN NE VA PLUS, F 1997 – Regie: Claude Chabrol. Buch: Aurore Chabrol. Kamera: Eduardo Serra. Schnitt: Monique Fardoulis. Ausstattung: Françoise Benoît-Fresco. Musik: Mathieu Chabrol. Darsteller: Isabelle Huppert, Michel Serrault, François Cluzet, Jean-François Balmer, Jackie Berroyer. Verleih: Concorde-Film. 113 Minuten.

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