09. Januar 1998 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 09.01.1998

Antonioni, Godard, Hawks laufen diese Woche – also alles, was das Herz begehrt.

Junge Damen

1955 hat Michelangelo Antonioni nach Cesare Paveses Roman „Die einsamen Frauen“ seinen Film LE AMICHE (DIR FREUNDINNEN) gedreht, der das dolce vita in Turin schildert. Anders als Fellini, bei dem sich alles um sein alter ego dreht, bleibt bei Antonioni das Zentrum leer. Die Schicksale der jungen Frauen sind eher lose verstrickt. Wichtiger sind die Räume und Plätze, wo sie sich bewegen, die nicht zufällig an Giorgio de Chiricos Bilder erinnern. Der Maler war wie Antonioni ein Kind der Stadt Ferrara, in der die beiden das metaphysische Licht entdeckt und leiben gelernt haben. Nächsten Donnerstag um 17. 45 und 20 Uhr in der Lupe.

Verheiratete Frauen
Ebenfalls in der Lupe läuft bis Sonntag in der Spätvorstellung um 22. 15 Uhr Jean-Luc Godards EINE VERHEIRATETE FRAU, von der er im Untertitel behauptet, es handle sich um „Fragmente eines Films, der 1964 entstanden ist”. Erzählt werden 24 Stunden aus dem Leben einer Frau (Macha Méril), die Redakteurin einer Frauenzeitschrift ist und einen Geliebten hat. Und weil der Film von Liebe und Sex erzählt, handelt er auch vom Körper und von der Gewalt, die ihnen angetan wird. Resnais Dokumentarfilm über die Konzentrationslager kommt vor, aber auch die Büstenhalterwerbung der Modezeitschriften. Im Kontrast dieser Körperbilder bekommen die Gefühle eine ganz andere Wucht. Der Film spielt unter anderem in Orly, das damals – wie der Schriftsteller Patrick Modiano schreibt – nicht nur fürs französische Kino ein magischer Ort war. Chris Markers LA JETÉE spielt dort, und Truffauts SÜßE HAUT.

Frische Paare
Nochmal Lupe: Am Montag wird dort ebenfalls um 17. 45 und 20 Uhr TO HAVE AND HAVE NOT von Howard Hawks gezeigt, in dem man buchstäblich zusehen kann, wie sich die Liebe von Humphrey Bogart und Lauren Bacall entzündete. Vierter Drehtag, erste gemeinsame Szene: Die Studiokulisse zeigt den Flur eines schäbigen Hotels auf Martinique. Sie fragt: „Haben Sie Feuer?” Bogie holt eine Schachtel Streichhölzer aus der Schublade und wirft sie ihr zu: „Hier. ” Sie fängt die Schachtel, nimmt ein Streichholz und zündet ihre Zigarette an. Dann wirft sie die Schachtel zurück: „Danke. ” Das war der Beginn einer wunderbaren Affäre. Bacall erzählte später, sie sei so nervös gewesen, daß sie die Streichhölzer immer wieder habe fallen lassen. Aber Bogie habe ihr mit ein paar Späßen darüber hinweggeholfen. Ein entscheidendes Kapitel in der Geschichte des Rauchens im Kino.

Alte Männer
Im „Maxim” läuft Andrej Tarkowski. Bis Mittwoch um 18. 30 Uhr sein letztes Werk DAS OPFER – OFFRET (1986), Donnerstag 19 Uhr SERALKO – DER SPIEGEL (1975), ab Montag um 21 Uhr STALKER (1979).

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