26. Juli 1993 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Last Action Hero

Der Held des Abendlands

Schwarzenegger als LAST ACTION HERO – der Vollstrecker des amerikanischen Traums

Hamlet sitzt über den Gräbern, blickt dem Totenschädel ins hohle Gesicht und sagt brav seinen Spruch: „Sein oder Nichtsein“. Aber es ist was faul im Staate Dänemark, denn der Mann hat einen breiten austro-amerikanischen Akzent und entschieden zu viele Muskeln für einen verzagten Prinzen. Und noch ehe er sich von der Blässe irgendwelcher Gedanken ankränkeln läßt, fletscht er die Zähne und entscheidet die Seinsfrage auf seine Art. Er benutzt Yoricks Schädel als tödliches Wurfgeschoß und macht das Nichtsein zu seinem Schlachtruf: Hasta la vista, Baby!

Hamlet, der Barbar: So sieht das aus, wenn Schwarzenegger Shakespeare spielt. So erträumt sich das ein kleiner Junge in dem Film LAST ACTION HERO, als ihn Laurence Olivier in einer Schulvorführung des „Hamlet“ von 1948 zu langweilen beginnt. Und nur Arnold bringt es fertig, diesen Vergleich zwischen First und Last Action Hero, zwischen dem ersten Mann der Schauspielkunst und ihrem letzten Heuler nicht zu scheuen. Für ihn ist die Welt ein Spiel ohne Grenzen. Und nur einer kann gewinnen.

Sein oder Nichtsein, das war also auch für LAST ACTION HERO die Frage. Als sich die Studios in Hollywood fürs Sommergeschäft rüsteten, wurde bald klar, daß es an der Spitze einen Zweikampf um die Zuschauer geben würde. Universals JURASSIC PARK und Columbias LAST ACTION HERO galten als turmhohe Favoriten, und für den Ausgang des Duells zwischen Schwarzenegger und den Sauriern war nur eines sicher: In jedem Fall würden die Japaner gewinnen, denn das eine Studio gehört Matsushita, das andere Sony.

Während es bei Spielberg außer einem Hurrikan am Drehort keine Probleme gab, schien LAST ACTION HERO in Schwierigkeiten zu sein. Erst hieß es, das Budget von 47 Millionen Dollar sei um gut die Hälfte überzogen worden, dann wurden von den Testvorführungen katastrophale Ergebnisse gemeldet, und schließlich mußte in New York auch noch nachgedreht werden. Alles üble Nachrede, beteuerten die Filmemacher. Was immer daran gestimmt haben mag, Tatsache ist, daß der Film an der Kasse durchgefallen ist. Hatte es erst noch geheißen, hundert Millionen Dollar seien kein Problem und weniger als das Doppelte eine Enttäuschung, so muß „Last Action Hero“ jetzt froh sein, wenn er überhaupt die Hälfte schafft.

Um einschätzen zu können, was 50 Millionen Dollar in diesem Duell bedeuten, muß man sich vor Augen halten, daß JURASSIC PARK diese Summe schon am ersten Wochenende eingespielt hatte. Im ersten Monat hat er eine gute Viertelmilliarde Dollar in die Kassen gebracht – soviel wie BATMAN insgesamt – und macht alle Anstalten, Spielbergs eigenen über zehn Jahre alten Rekord zu brechen. Damals hatte E.T. 360 Millionen gemacht. Das sind nicht nur Zahlen, sondern Zeichen für die jeweilige Zeit.

Fast zwei Milliarden Mark haben Arnolds fünf letzte Filme weltweit eingespielt und ihn zum erfolgreichsten Filmstar aller Zeiten gemacht. Und zum teuersten: 25 Millionen Mark bekommt er als Gage pro Film. Und dazu noch Prozente vom Einspielergebnis. Daß er das bisher auch wert war, sieht man schon an dem Spruch des Columbia-Chefs Mark Canton: „Wir machen Filme nur noch, wenn der Preis stimmt – oder wenn Arnold dabei ist.“ Daß die Rechnung diesmal trotzdem nicht aufgegangen ist, wiegt deshalb besonders schwer, weil der Film zum ultimativen Test für Schwarzeneggers Zugkraft hochstilisiert worden war. Er hat ihn nicht bestanden. Ist deshalb Arnolds Ära zu Ende?

Als er zum Interview im „Four Seasons“, Beverly Hills, erscheint, fährt er in einem Jeep vor, der etwa die Ausmaße eine Panzers hat. Humvee heißt das Ungetüm bei der Armee, Arnold nennt es Hummer. Warum er nicht einen Wagen wie alle anderen fahren könne, habe ihn seine Frau mal gefragt, warum er immer anders sein müsse. Statt einer Antwort hat er sie gebeten, ihre Predigt für den Kurzauftritt im Film aufzusparen. Jetzt gibt es also in LAST ACTION HERO eine Szene, in der das Ehepaar Schwarzenegger dem wüstenfarbenen Gefährt entsteigt und inmitten der Gäste einer Filmpremiere eine Diskussion über den „Hummer“ anfängt. Und außerdem, setzt Maria Shriver die häusliche Debatte fort, solle er aufhören, dauernd Werbung für seine Restaurants zu machen. Der Mann scheint wirklich aus allem das Beste zu machen.

Natürlich paßt das großspurige Ungetüm zu dem Auftreten Schwarzeneggers. Er kommt mit einer dicken, stinkenden Zigarre zwischen den Zähnen an und einem bunt bedruckten Hemd, auf dem unter anderem er selbst als Bodybuilder posiert. Er ist nicht ganz so überlebensgroß wie im Kino, doch imposant genug, um jeden Raum sofort in Beschlag zu nehmen. Da sitzt er also, breitbeinig, breitschultrig und breit grinsend und meint: „Los geht`s!“ Als gelte es, ein gemeinsames Projekt durchzuziehen. Als würde man am gleichen Strang ziehen. Und natürlich hat er damit recht: Es geht um die Mehrung seines Ruhms. Aber irgendwie schafft er es auch noch, einem den Eindruck zu vermitteln, es sei ein großes Glück, daran mitarbeiten zu dürfen.

Dabei hat sich die Presse diesmal nicht ganz so kooperativ gezeigt. Auf die Hochglanzporträts folgten völlig unangemessen bösartige Kritiken des Films und eine angemessen bissige Betrachtung von Arnolds Umgang mit den Medien in der „Los Angeles Times“. Nicht einmal Madonna sei so gerissen wie er, heißt es da: „Zwar wissen die meisten Reporter, daß sie geschwarzeneggert werden, aber der Verführung können sie dennoch nicht widerstehen.“ Tatsächlich entwaffnet er dadurch, daß er nicht nur keinen Hehl, sondern einen Spaß aus seinen Absichten macht. Wo fast jeder andere Star den vertreterischen Aspekt solcher Gespräche zu überspielen versucht, da gebärdet sich Arnold wie ein Autohändler. Er hat ein Produkt, das will er an den Mann bringen: Auch wenn es sich nur um Illusionen handelt.

Er macht sich auch keine: „Wenn man oben ist, dann wird man abgeschossen. Dazu ist man ja von den Medien aufgebaut worden. Das ist auch in Ordnung. Man kann nicht die guten Seiten des Berufs akzeptieren und die schlechten ablehnen. Alles hat zwei Seiten. Wer keine Hitze verträgt, soll aus der Küche gehen. Ich kann`s vertragen, also bleibe ich.“

Er weiß, wovon er redet. Seit der Grazer Polizistensohn 1968 nach Amerika gegangen ist, hat er alles erreicht, was er wollte. Und das liegt vor allem an seinem Verkaufstalent. Schon als Bodybuilder hat er nicht nur sämtliche Titel gewonnen, sondern auch die Schickeria auf sich aufmerksam gemacht. Er ließ sich von Warhol ablichten und trat als lebende Plastik im New Yorker Whitney Museum auf. Schlechten Filmen und noch schlechteren Kritiken zum Trotz machte er unermüdlich Werbung für den eigenen amerikanischen Traum.

Aber wieviele gute Rollen kann es für einen Bodybuilder ohne mimisches Talent geben? Ein paar Nebenrollen als Leibwächter vielleicht. Eine Hauptrolle höchstens. Dann ist Schluß. Aber Arnold versuchte nie, sich den Filmen anzupassen, sondern paßte die Filme seinen Bedürfnissen an. Als CONAN, DER BARBAR hatte er zum erstenmal Erfolg. Vielleicht war das nur Glück, aber schon mit seiner Entscheidung, im TERMINATOR nicht den Menschen, sondern die Maschine zu spielen, bewies er einen sicheren Instinkt fürs eigene Image. Er wurde der erste Held einer düsteren Zukunft in einer Zeit, in der die strahlenden Helden nichts mehr verloren hatten. Und dann änderte er im richtigen Moment den Tonfall, trieb sein Spiel mit dem tödlichen Ernst seiner Rollen: TWINS, TOTAL RECALL, KINDERGARTEN COP und TERMINATOR 2. Und nach all den Jahren, sagt er, kann er seiner Mutter immer noch nicht erklären, womit er sein Geld verdient.

Er hatte keine Chance, aber er nutzte sie: Er besitzt ein Flugzeug und Grundstücke in Kalifornien und Colorado, betreibt eine Reihe von Sportcentern, das Restaurant „Schatzi on Main“ in Los Angeles und „Planet Hollywood“ in New York. Er ist mit der NBC-Frau Maria Shriver aus dem Kennedy-Clan verheiratet, im Herbst erwarten sie ihr drittes Kind. Und auf einmal reißt, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, der Faden. Was passiert, wenn LAST ACTION HERO auch in Übersee ein Flop wird?

„Um Sony muß man sich keine Sorgen machen. Die haben genügend Geld. Die gehen schon nicht bankrott. Es gibt die Platte, die läuft super. Die Spielzeugfirma Mattel hat 20 Millionen für die Vermarktung gezahlt, Burger King 14. Es gibt sieben Videospiele und einen Themenpark. Es sind immer nur die Journalisten, die sich Sorgen um die hohen Budgets machen. Mich kümmert das nicht. Ich bin hier, um Geld auszugeben. Ich liebe es, Hollywoods Geld auszugeben. Und ich bin der erste, der sicherstellt, daß es auch eine Chance gibt, das Geld zurückzukriegen. Deshalb promote ich den Film. Das ist meine Verantwortung.“

Empfindet er die Verantwortung nie als Druck? „Ich habe keinen Druck. Ich bin völlig entspannt. Ich mache nichts anderes als ein Klempner, der jeden Tag zur Arbeit geht. Darauf läßt es sich reduzieren. Ich gehe zur Arbeit und habe Spaß an dem, was ich tue.“

Schwarzie nennen sie ihn in Frankreich, Arnold anderswo. Und auch wenn ihn nicht jeder liebt, so findet sich doch schwerlich jemand, der ihn nicht respektiert. Einige finden Costner blaß, andere Eastwood, nicht jeder mag Mel Gibson und kaum jemand Stallone – nur Schwarzenegger läßt keinen kalt. Nicht einmal in der Branche gibt es Häme. Man glaubt ihm. Er hat vielleicht nicht viel zu sagen, aber was er sagt, das nimmt man ihm auch ab. Manchmal wirkt er dabei wie ein Kind, manchmal wie eine Maschine. Und manchmal wirkt er so verdammt perfekt, daß man sich fragt, ob er sich nicht hin und wieder vor sich selbst fürchtet. Womöglich ist alles nur Pose. Aber selbst damit kann der Bodybuilder von Natur aus besser umgehen als andere: „Wenn man Humor hat, kann man über jeden Job lachen. Was glauben Sie denn, wieviel Humor man braucht, sich in einem Höschen mit eingeöltem Körper vor 5000 Leuten auf die Bühne zu stellen und die Muskeln spielen zu lassen? Natürlich hat man mit großem Ernst fünf Stunden täglich trainiert und vor dem Spiegel posiert. Das muß man auch, wenn man gewinnen will. Aber wenn man dann dasteht, hat das auch was Komisches. Man muß es nur sehen. Und genauso ist es mit Actionhelden. Schauen Sie uns doch an, wie wir uns gegenseitig zu überbieten versuchen. Das soll nicht lustig sein?“ Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

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