30. Juli 1993 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Equinox

EQUINOX von Alan Rudolph

Alles, was Zufall ist

Es gibt Träume, die in dem Moment, wo man sie zur Sprache bringen will, in allerlei undeutliche Gefühle zerstieben. Und es gibt Filme, über die sich kaum sprechen läßt, weil die Gefühle dabei sofort zu Worten verklumpen. Bei Eric Rohmer ist das so, bei Hal Hartley, bei Blake Edwards und Alan Rudolph. Bei all jenen also, bei denen die Schilderung der Handlung oder die Beschreibung der Charaktere nichts, aber auch gar nichts von dem faßt, was in den Filmen wirklich passiert.

In einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift Film Comment erzählt Alan Rudolph, ihm sei eines Tages beim Spaziergang im Regen das Wort EQUINOX in den Sinn gekommen. Er hatte zwar eine Vorstellung davon, was es bedeutet, war sich aber nicht sicher. Als er nach Hause kam, schlug er es nach und wußte plötzlich, worum es in seinem nächsten Film gehen sollte. Equinox ist die Tagundnachtgleiche, wo Hell und Dunkel gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Oder, wenn man will, Traum und Wirklichkeit. Equinox: Nichts beschreibt Alan Rudolphs Filme besser als dieser Ausdruck. Nicht nur wegen seiner Bedeutung, sondern auch wegen des Klangs: Sehr elegant und ein wenig exotisch, scheinbar kompliziert und am Ende ganz einfach.

Noch eine Anekdote aus dem Interview: Nachdem Alan Rudolph einen Dokumentarfilm gemacht hatte, meinte der Produzent, sie sollten wieder etwas zusammen machen. Einen Spielfilm, schlug Rudolph vor. Wieviel er dafür brauche? Soviel der Produzent eben entbehren könne. Sie rechneten auf einer Serviette herum und kamen auf 639 000 Dollar. Dafür mache er den Film, sagte Rudolph. Gut, antwortete der Produzent, wovon soll er handeln? Keine Ahnung, antwortete Rudolph; er werde sich was ausdenken. Rudolph fragte Keith Carradine, ob er für ein Tarifhonorar arbeiten würde, wenn er ihm eine gute Rolle schriebe, und bekam eine Zusage. Er engagierte eine Menge Debütanten, nahm einen Song, dessen „samtige Qualität“ er mochte, schrieb das Drehbuch in einer Woche und machte für 639 000 Dollar CHOOSE ME (1984).

Die Geschichten spielen keine Rolle bei Alan Rudolph. Es geht um Gesichter und Gefühle und darum, die Dinge und die Kamera in Bewegung zu halten. Im Grunde sind die Plots nur die Notenzeilen, auf denen Rudolph seine Melodien komponiert. Dabei werden die Handlungsfäden jedesmal ziemlich kunstvoll ausgesponnen und von einem geradezu schicksalhaften Magnetismus am Ende verknotet. Aber es ist natürlich völlig närrisch, den Zufall bei Rudolph Schicksal zu nennen – auch wenn der Titel seines verstümmelten Films mADE IN HEAVEN (1987) das nahelegt. In LOVE AT LARGE (1989) zum Beispiel beauftragt eine Frau einen Detektiv, ihren Mann zu beschatten. Der Detektiv folgt dem falschen Mann, der sich allerdings als Bigamist entpuppt. Die Frau des Detektivs wiederum läßt ihren Mann von einer Detektivin beschatten. Womit sie jedoch nur erreicht, daß der Mann, der ihrem Verdacht zum Trotz immer treu war, sich in die Detektivin verliebt. Und so kann Leonard Cohen am Ende singen: „There ain’t no cure for love“.

Falsche Fährten und dumme Zufälle gibt es bei Rudolph zuhauf. Wie beim Reigen schließt sich dadurch immer wieder der Personenkreis, in dem sich die Figuren durch alle möglichen Spielarten der Liebe zu einer endlosen Kette verbinden. Eins kommt zum anderen, und alles hängt mit allem zusammen. So kann es etwa in THE MODERNS (1988) passieren, daß ein echtes Gemälde als Fälschung zerstört wird, während die Fälschung im New Yorker Metropolitan Museum of Art landet. Equinox, das bezeichnet bei Rudolph auch das Gleichgewicht von Lüge und Wahrheit.

Mit EQUINOX, meint Rudolph, habe er der Gegenwart einen Spiegel vorgehalten. Was man da zu sehen kriege, sei sein Amerika des Jahres 1992. Eine seltsame Behauptung angesichts eines Films, in dem die Wirklichkeit kaum einen Auftritt hat. In Rudolphs Welt geben sich die Jahrzehnte ein Stelldichein, und nie kann man mit Gewißheit sagen, in welcher Zeit seine Filme spielen. Die Frauen kleiden sich wie in den Zwanzigern, die Männer wie in den Vierzigern, die Farben stammen aus den Fünfzigern und das Licht aus den Achtzigern. Rudolph nimmt sich, was ihm gefällt, und setzt es ohne großes Aufhebens zusammen. So gesehen, ist diese Welt durchaus das Amerika, das wir kennen: Aus Gangsterfilmen oder Komödien, aus Romanen oder Zeitungsartikeln, aus Photographien oder Gemälden.

EQUINOX erzählt von Zwillingsbrüdern, die nichts voneinander wissen. Man könnte sagen, daß der eine Automechaniker ist und der andere Gangster. Aber das zu wissen ist etwa so, als wüßte man, welchen Berufen die Menschen in den Bildern von Edward Hopper nachgehen.

Vielleicht helfen die Bilder Hoppers, sich Rudolphs Filme vorzustellen. Sie könnten die Bühnen sein, auf denen Rudolphs Geschichten spielen, und die Figuren könnten seine Helden sein: Die Nachtschwärmer in „NIGHTHAWKS, die Reisenden in CHAIR CAR, die Damen in CHOP SUEY, die Platzanweiserin in NEW YORK MOVIE, das Paar in SUMMER IN THE CITY oder all die anderen, die sich aus ihrer Welt hinauszuträumen scheinen. Hopper hat einmal erzählt, die bei Zugfahrten in der Dunkelheit schnell vorbeihuschenden Bildfetzen von Räumen hätten ihn häufig inspiriert. So wirken auch Rudolphs Filme: Als würden die hinter den erleuchteten Fenstern verborgenen Sehnsüchte über alle Entfernungen hinweg zu Geschichten verknüpft.

Durch und durch urbane Phantasien sind diese Filme, Märchen von Städten und ihren Bewohnern. Ganz gleich, ob sie Rain City, Paris oder Empire heißen, immer wirken sie so künstlich wie das Modell, das sich der Held von TROUBLE IN MIND (1985) im Gefängnis von seiner Stadt baut. Aber gerade das Künstliche ist in den Städten das Natürliche. Deshalb sind Rudolphs Stilisierungen durchaus eine Form von Realismus. Die Epochen und Stile haben sich in seinen Städten in Schichten abgelagert, und seine Geschichten führen wie Stollen durch sie hindurch in die Tiefe der Zeit. Wo alle Geschichten enden, da fängt EQUINOX an. In einer Leichenhalle findet eine junge schwarze Angestellte (Tyra Ferrell) bei einer eingelieferten Obdachlosen einen Brief, der von Zwillingen erzählt, die bei der Geburt getrennt wurden, und von einem Vermögen, das der Anonymität vorziehende Vater für sie auf einer Bank deponiert hat. Weil die Finderin schriftstellerische Ambitionen hat, geht sie der Geschichte nach. Aus demselben Grund ist es durchaus möglich, daß sie alles nur erfunden hat.

Da gibt es den Mechaniker (Matthew Modine), der sich aus Menschenscheu am liebsten in seiner Wohnung versteckt; die Prostituierte von nebenan (Marisa Tomei), die ihm trotzdem ihr Baby zur Aufsicht gibt und ihn dafür auf ihre Art entlohnt; den Freund (Kevin O’Connor), der von ihm mehr Lebensmut fordert, aber selber seine Traumfrau nicht anzusprechen wagt; dessen Schwester (Lara Flynn Boyle), die genauso schüchtern ist und sich in die Welt ihrer Bücher verkriecht; und seinen Vater (M. Emmett Walsh), der die Bühne mit der Werkstatt vertauscht hat und dem Sohn nur das Beste wünscht. Es gibt aber auch den Gangster (ebenfalls Matthew Modine), der endlich hoch hinauswill; seine Frau (Lori Singer), die ihn für den Besten hält und selbst nicht weniger sein möchte; seinen Kollegen (Täte Donovan), der sich zurückgesetzt fühlt und ihm an den Kragen will; und seinen Chef (Fred Ward), der es nicht leiden kann, wenn andere klüger sein wollen als er. Und es gibt das „Cafe Capri“, zu dem alle Wege führen. Darüber hängt ein großes Plakat, das für eine Lotterie wirbt. Die Welt ist alles, was Zufall ist, bei Alan Rudolph. Man kann es auch Schicksal nennen.

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