19. Mai 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Land der schwarzen Sonne

Die weißen Flecken der Imagination

Bob Rafelsons LAND DER SCHWARZEN SONNE

Die wahren Abenteuer spielen heutzutage nicht mehr im Dschungel, sondern vor der Haustür. Wer etwas erleben will, gräbt lieber im Vorgarten, statt mühsam durch Eis und Finsternis zu ziehen. Wüsten und Meere, Berge und Höhlen haben als Schauplätze ausgedient, Abenteuer kann man schon im Reisebüro buchen. Was Jules Verne oder Henry Rider Haggard, Robert Louis Stevenson oder Joseph Conrad sich ausgemalt haben, gibt es längst auf Video. Die Phantasie wird allenfalls noch durch die Erfindungen der Wissenschaft angeregt, Science-fiction ist die letzte Nische für Abenteurer. LAND DER SCHWARZEN SONNE erzählt aus einer anderen Zeit: als Afrika noch ein dunkler Kontinent war, die Landkarten aus weißen Flecken bestanden und keiner wußte, wo die Quellen des Nil liegen.

Bob Rafelson hat einen Abenteuerfilm gedreht, in dem die Überwindung von Distanzen und der Vorstoß ins Unbekannte eine Rolle spielt. Entdecker zu sein, war damals nicht nur eine Berufung, sondern auch ein Beruf. Es galt allerdings auch damals schon, Gönner zu finden, Geld aufzutreiben und Politik zu machen. Man mußte die Royal Geographical Society in London vom wissenschaftlichen und auch politischen Nutzen überzeugen, wenn man eine Expedition ausstatten wollte. Der Film erzählt auch davon: Von der Kluft zwischen den Intrigen, Querelen und Rivalitäten in der zivilisierten Welt einerseits und den Lebensgefahren, Entbehrungen und Kämpfen in den unerforschten Landstrichen andererseits.

Richard Francis Burton (Patrick Bergin) und John Hanning Speke (Ian Glen) haben sich zusammengetan, um in einer Expedition zum Ursprung des Nils vorzudringen. Sie sind nicht gerade Brüder im Geiste, aber vereint in ihrem Ziel. Rafelson interessiert sich auch weniger für den Fortlauf ihrer Reise ins Unbekannte, sondern mehr für die Unterbrechungen, die Hindernisse, die Lücken im Erzählen. Es kommt keine Kontinuität des Erlebens zustande, gezeigt werden nur Eindrücke, Bruchstücke, Sensationen. Manchmal wirkt LAND DER SCHWARZEN SONNE wie ein Torso. Es geht dabei mehr um die Bedingungen des Abenteuers, als um das Fortkommen selbst. Rafelson war noch nie ein Regisseur, bei dem das Erzählen die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten darstellte.

Alles ist eine Sache der Organisation. Bei Rafelson geht es häufig darum, wie Pläne schiefgehen, wie Menschen bei der besessenen Verfolgung ihrer Ziele vom Weg abkommen. Das war in WENN DER POSTMAN ZWEIMAL KLINGELT so und auch in DIE SCHWARZE WITWE. Wie man sich selbst bewahrt und wie man dabei hungrig bleibt auf Abenteuer, das sind seine Themen.

Und auch in seinem neuen Film werden die Obsessionen am Ende zu Irrfahrten der Leidenschaft. Zurück in London, treibt man einen Keil zwischen die beiden Freunde und spielt sie gegeneinander aus. Der Schwebezustand des Abenteuers, in dem jede Bewegung sich selbst genügt, wird kaltblütig beendet. Auf einmal scheint alles aufs Ziel hin berechnet, nur noch der Nutzen zählt. Was von der Reiseübrigbleibt in den düsteren Londoner Räumen, ist allein der Geist von Freundschaft und Abenteuer, der es wagt, sich hinauszuträumen aus der Enge in eine Welt, in der es noch weiße Flecken gibt. In der nichts zählt als das Gesetz der Einbildungskraft. MOUNTAINS OF THE MOON heißt der Film im Original. Das bezeichnet den Ursprung des Nils, das Mondgebirge. Von solchen Namen hat man früher nur träumen können.

(In München im Odyssee und ABC.)

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