15. Mai 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Blue Steel

Die Bestie Mensch

Kathryn Bigelows Film BLUE STEEL

Blaues Licht und kalter Stahl, klare ‚ Linien und harte Konturen. Die Kamera tastet eine Smith & Wesson ab, zeigt den Abzug, streichelt den Griff, fährt den Lauf entlang und folgt dem Laden des Revolvers. Eine Polizistin knöpft ihre Bluse zu, streift die Handschuhe über und rückt ihre Kappe zurecht. Eine Aufrüstung, eine Maskierung, ein Ritual, ein Versteckspiel auch. Vom Polizeidienst erhofft sich Megan Turner die Kontrolle über ihr Leben, die sie privat nicht hat. Die Polizeischule hat sie gerade abgeschlossen, jetzt wird sie vereidigt. Mit Waffe und Uniform will sie eins werden. Doch schon beim ersten Einsatz schlägt ihre neue Macht in Ohnmacht um.

In einem Supermarkt erschießt Megan (Jamie Lee Curtis) in Notwehr einen Räuber. Weil jedoch dessen Waffe nicht gefunden wird, glaubt ihr keiner. Man suspendiert sie vom Dienst. Daß einer der anwesenden Zeugen die Pistole heimlich an sich genommen hat, ahnt Megan noch nicht. Aber der neue Besitzer der Waffe, ein Börsenmakler (Ron Silver), wird eine Begegnung herbeiführen, ohne sich erkennen zu geben, denn er hat sich verliebt in die Frau, in die Waffe, in die Macht über Leben und Tod. Wahllos erschießt er auf seinen nächtlichen Beutezügen Passanten. Einmal steht er nackt über der nächtlichen Stadt, das Blut eines Opfers über ‚den Leib verteilt, und stößt einen tierischen Schrei aus. Da kann man der Wall Street auf den dunklen Grund ihres Her¬zens blicken, wo die ganzen animalischen Instinkte begraben liegen. In diesem New York ist die Zivilisation völlig entfesselt, es herrscht das Gesetz des Dschungels. Schon Kathryn Bigelows letzter Film NEAR DARK spielte an den Rändern der Realität, wo Träume in Flüche übergehen und gebändigte Sinnlichkeit in übersinnliche Ekstasen umschlägt. In jedem könnte ein Vampir oder ein Werwolf stecken.

So wie Kathryn Bigelow die bizarre Geschichte einer Beziehung zwischen Cop und Killer erzählt, sprengt sie die Grenzen ihres Genres. In ihrem strukturalistischen Thriller geht es nicht mehr um Zeichen, sondern um Überzeichnung. An der Konstellation, die eine Frau in einer Männerwelt zeigt, ist sie weniger interessiert als an der Eskalation der Gewalt, die sich daraus ergibt. Kontinuität zählt nichts, die Action ist in ihre Bestandteile zerlegt Eine seltsame doppelte Identifikation findet in BLUE STEEL statt, die zwischen Ohnmachts- und Allmachtsphantasien schwankt, denn natürlich ist der verliebte Blick des wahn¬sinnigen Mörders auf die Frau mit der Waffe im Anschlag genauso der unsere wie der angeekelte Blick der Frau auf die Bestie Mensch. Nicht einmal der Showdown erlöst uns aus diesem Widerspruch.

(In München, im Mathäser und Marmorhaus.)

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