29. Mai 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Dr. M

Mabuses letzte Rache

Dr. M - ein neuer Chabrol

Mabuse ist ein Geschöpf der Inflation. 1921 hat ihn Norbert Jacques erfunden, im Jahr darauf tauchte er bei Fritz Lang auf, der für seinen letzten Film 1960 wieder zu dieser Figur zurückkehrte: DIE TAUSEND AUGEN DES DR. MABUSE. Mabuse treibt sein Spiel mit dem Verfall der Werte, dem Verlust der Deckung, dem Übermaß an Zeichen. Seine Welt hat keine Mitte, die Leere ist sein Element. Mabuse ist das Flüchtige, der Ungeist, die Lücke im System. Konzentration ist nicht seine Sache. Wenn Dr. M von irgendwas erzählt, dann davon.

Auch Chabrols Werk lebt nicht von der Konzentration auf einzelne Werke. Er hat in gut drei Jahrzehnten über fünfzig Filme gedreht. Einen solchen Ausstoß kannten sonst nur die Regisseure im Hollywood der Studios, in Europa war nur Fassbinder ähnlich produktiv. Die Kritik hat Chabrol seine Unbeständigkeit immer wieder übel genommen: Daß er sich für Spionage-Plots nicht zu schade war, daß er sich ans Fernsehen verschwendet hat. Dabei pflegt Chabrol lediglich einen Autoren-Begriff, der sich am Gesamtwerk orientiert. Im heutigen Autorenkino hat man diese Sichtweise verdrängt, weil Regisseure bei den momentanen Produktionsbedingungen froh sein können, wenn sie es in ihrem ganzen Leben auf zwanzig Filme bringen. Chabrol kümmert das wenig, kurz vor seinem 60. Geburtstag dreht er immer noch Film um Film.

1959 hat Chabrol in A DOUBLE TOUR (SCHRITTE OHNE SPUR) eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, der Film lebte von den Überschneidungen und Wiederholungen. Auch Dr. M spielt mit der Vielzahl der Perspektiven: am Anfang sieht man drei Selbstmorde bei laufendem Fernseher, aus dem man dreimal dieselben Sätze hört. Dr. M ist ein Film der tausend Augen, aber sie blicken alle starr in eine Richtung. Mabuse ist ein Fernsehmogul (Alan Bates), der die Teilung Berlins schon aufgehoben hat, bevor die Mau¬er überhaupt fiel. Die Gleichschaltung der Kanäle benutzt er zur Massenhypnose. Ein schönes Gesicht auf den allgegenwärtigen Monitoren (Jennifer Beals) lockt die Menschen in einen Ferienclub, wo ihre Todessehnsucht kanalisiert wird: Es ist Zeit zu gehen. Aus dem Sterben der Massensaugt Dr. M seine Lebenskraft, er weidet sich an ihrem Unglück. Sein grausames Herz lebt von der Ordnung, die er ins Chaos bringt. Auch wenn diese Ordnung darin besteht, daß sich die Menschen wie die Lemminge in den Tod stürzen. Allein ein Kommissar (Jan Niklas) und ein Reporter (Hanns Zischier) haben sich dem Bann entzogen. Am Ende stirbt Dr. M und mit ihm seine Ordnung. So hat Chabrol auf den Fall der Mauer reagiert.

Ein inflationärer Film. Die steilen Perspektiven und schrillen Bilder werden von der Geschichte nicht gedeckt. Entseelte Figuren treiben durch immergleiche Konstellationen. Die beschworene Transparenz der Gesellschaft führt nur zur Durchschaubarkeit des Plots, dem alle Geheimnisse ausgetrieben sind. Die minimalen Verschiebungen der Blickwinkel, von denen Chabrols letzte Firne lebten, führen hier ins Leere, bilden keine Schnittpunkte mehr. Der Film fällt auseinander, das ist Mabuses letzte Rache. Aber Chabrol hat schon wieder einen weiteren Film fertig.

(In München im City, Arri und Rex.)

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